Und wenn das Publikum auch noch so beeindruckt ist: Verbeugt wird sich erst nach der Premiere!

Athanor

Ganz schüchtern die Frage, ob man denn klatschen dürfe – Schauspieler sollen ja eine abergläubische Zunft sein. Aber die jungen Damen und Herren, die gerade eine Teilszene aus Jean Genets Stück „Der Balkon“ auf mitreißende Art geprobt haben, stehen da drüber. Klatschen erlaubt, keine Frage. Nur - verbeugen tut man sich erst bei der Premiere, eisern. - Wieder was gelernt!
Fünf Schülerinnen und Schüler der Klassen W12b und W12c haben sich am Donnerstag, den 15.12.2016 mit ihrem Deutschlehrer Herrn Reiter auf den Weg gemacht zur Athanor Theater-Akademie in Passau-Grubweg. Maximilian Sachße hat diese Begegnung möglich gemacht, der noch weitere folgen sollen. Der junge Regisseur inszeniert das Genet-Drama als großes Abschlussprojekt im Bereich Regietheater. Bei der aktuellen Probe trafen wir neben ihm selber nicht nur auf Regieassistent Maximilian Graf, sondern auch auf Eva Gottschaller als Bordellchefin Irma, Sarah Finkel als ihre Vertraute und Angestellte Carmen sowie Johannes Bauer als Polizeipräsident. „Der Balkon“ von Jean Genet (1910 bis 1986) wurde, wie uns Herr Bauer im einführenden Vortrag mitteilte, 1957 uraufgeführt. Vor dem Hintergrund eines drohenden Staatsstreichs werden auf ebenso philosophische wie freche Weise unter anderem auch jene Fragen durchexerziert, die uns im Sozialkunde- und Literaturunterricht interessieren: Wer sind wir eigentlich? Welche gesellschaftlichen Rollen spielen wir, und wie tun wir das? Im fiktiven Bordell laufen die Fäden zusammen, denn während die Spießer bei Madame Irmas Mädchen ihren Lieblingsrollen als Bischof oder General frönen, üben sie ja gleichsam schon mal für die Wirklichkeit. (Auch wenn sie der ja eigentlich entfliehen wollen.) Eben diese böse Realität katapultiert sie jetzt überraschend an die Schaltstellen der Macht, da man plötzlich einen Bischofs- oder General-Darsteller braucht. Das Volk muss ja ruhiggestellt werden …
Beeindruckend, wie intensiv und auf welchem Niveau an der Athanor Akademie gearbeitet wird. Das Haus hat seinen Namen von jenem Schmelztiegel, mit welchem die Alchemisten einst die Geheimnisse des Lebens ergründen und den berühmten Stein der Weisen herzustellen suchten. Ein sinniger Name also, denn die Bühne ist ja in der Tat so eine Art Tiegel oder Brennofen der Gefühle und Leidenschaften, ein Experimentierfeld für jene, die dem Menschen und seinem Wesen auf der Spur sind. Frau Gisela Werner, die als Dozentin für Sprechen an dem Hause wirkt und die Pressearbeit und Hausadministration managt, hat uns das Haus in seiner beeindruckenden Gesamtanlage gezeigt. Allerorten erlebt und spürt man das konzentrierte künstlerische Schaffen in einer ausgesprochen angenehmen Atmosphäre. Was man hier lernt? Die Studierenden entscheiden sich entweder für Schauspiel oder Regie, bereiten sich dann aber sowohl für die Bühne als auch den Film vor.
Wir sind jedenfalls schwer beeindruckt, wie Maximilian Sachße und sein Team (zu dem mit Eva Gottschaller und Johannes Bauer auch schon diplomierte Schauspieler gehören!) den „Balkon“ zum Leben erwecken. Wie sie gemeinsam am Parcours der Figuren arbeiten und minutiös an den Dialogen und Bewegungen feilen, die sich auf komplexe Art im Spiegelkabinett von Madame Irma bewegen. Eine spannende Sache, gar keine Frage, und wir wollen uns die fertige Inszenierung auf jeden Fall ansehen. Interesse? Genaueres erfährt man auf der (überhaupt sehr lohnenden) Website www.athanor.de. Premiere ist im Februar!

Stephan Reiter, OStR