Fast 250 Jahre lang, bis zum Zweiten Weltkrieg, war Berlin führendes Zentrum der medizinischen Forschung und Lehre, das reihenweise namhafte Wissenschaftler anzog: Rudolf Virchow, Robert Koch, Ferdinand Sauerbruch, Eduard Heinrich Henoch und Emil von Behring – um nur einige der bekannten Namen zu nennen.

Aufbauend auf diese Vergangenheit Berlins nimmt die dortige Charité immer noch eine Spitzenposition als das größte Universitätsklinikum Europas ein, entstanden durch die Fusion der Kliniken der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin. Die Charité verfügt über vier Standorte, die über die ganze Stadt verteilt sind, und beschäftigt über 13.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich jährlich um über 140.000 stationäre und über 660.000 ambulante Patienten kümmern.
30 Schülerinnen und Schüler der 12. und 13. Klassen der Ausbildungsrichtung Gesundheit der Beruflichen Oberschule Passau nutzten mit vier Lehrkräften die Gelegenheit vor Ort in Berlin, sich fachlich wie staatsbürgerlich weiterzubilden und schulische Inhalte zu vertiefen. Gesundheit und Medizin sowie die Geschichte der beiden deutschen Staaten und die aktuelle Tagespolitik markierten die Schwerpunkte der fünftägigen Fachexkursion in die Hauptstadt.

Berlin01 Berlin02

Die Gesundheitsakademie der Charité informierte über den Bachelor in Gesundheitswissenschaften für Pflege- und Therapieberufe. Das multidisziplinäre Studium dieses Faches ergänzt das traditionelle Kompetenzprofil der Pflege- und Therapieberufe. Neben theoretischem Grundlagenwissen aus den gesundheitswissenschaftlichen Disziplinen werden wissenschaftsmethodische Kompetenzen etwa aus der Biostatistik, der Epidemiologie oder der empirischen Gesundheitsforschung sowie Schlüsselkompetenzen für die Kommunikation in Gesundheitsberufen erworben. Beschäftigungsfelder bieten sich den Absolventen in allen Institutionen des Gesundheitswesens, in der Krankenpflege, bei Unfallversicherungen, Wohlfahrts- und Interessensverbänden, Berufsgenossenschaften, in Vereinen und Unternehmen. Die Aufgabenfelder reichen von der Gesundheitsberichterstattung und Epidemiologie bis zur Planung, Durchführung und Evaluation von Maßnahmen der Gesundheitsförderung und der Prävention in verschiedenen Settings zielgruppenbezogener Arbeit, über die gesundheitsorientierte Information, Beratung und Aufklärung bis zur Förderung von Selbstmanagement und Gesundheitskompetenzen. Selbstverständlich befähigt der Bachelor auch zu einer wissenschaftlichen Weiterqualifizierung in einem Masterstudiengang wie z.B. in Health Professions Education, Public Health oder Management.
Außerdem bietet die Gesundheitsakademie der Charité auch dreijährige Ausbildungsmöglichkeiten in der Gesundheits- und Krankenpflege, inklusive der Kinderkrankenpflege, sowie für Logopädie, Hebammenwesen, Diätassistenz, Physiotherapie, operationstechnische Assistenz und Sektions- und Präparationsassistenz. Pro Jahr gibt es insgesamt rund 600 Ausbildungsplätze und viele Absolventen finden in der Charité auch ihren Arbeitgeber. Zwei Besonderheiten zeichnet das Charité-Modell aus: ein selbstorganisierter Wahleinsatz auch im europäischen Ausland sowie die „Schulstation“ im 3. Ausbildungsjahr. Hier schlüpfen die Auszubildenden für vier Wochen in die Rolle von Pflegenden mit dem Ziel selbständig und eigenverantwortlich zu arbeiten.

Berlin03

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dieser äußerst kompetenten Informationsveranstaltung zu den verschiedensten Gesundheitsberufen, bei welcher die Schüler auch auf viele Fragen zu ihren persönlichen Berufsplanungen im Gesundheitsbereich Antworten erhielten, folgten im Anschluss praktische Erarbeitungen durch die Schüler in einer der berühmtesten Lehrsammlungen Deutschlands:
Bei einer Führung und einer anschließenden Gruppenarbeit wurden Schautafeln und Exponate des medizinhistorischen Museums der Charité, hervorgegangen aus dem Pathologischen Museum Rudolf Virchows, inspiziert und für verschiedene Unterrichtsinhalte analysiert. Die Dauerausstellung „Dem Leben auf der Spur“ gewährt faszinierende Einblicke in die Entwicklung der Medizin der letzten 300 Jahre. Die etwa 750 Objekte umfassende Sammlung zeigt pathologisch-anatomische Feucht- und Trockenpräparate sowie Modelle und Abbildungen aus zentralen medizinischen Aktionsräumen: dem Anatomischen Theater, dem Anatomischen Museum, dem Labor sowie dem Krankensaal. Präsentiert werden Exponate vom menschlichen Körper, welche die Medizin in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat und einen Abriss dessen, was sich daraus für Diagnostik und Therapie ergab. Die Sammlung umfasst rund 1.100 augenmedizingeschichtliche Objekte u.a. mit Instrumenten, Grafiken, Fotografien und Medaillen des Berliner Augenarztes Albrecht von Graefe (1828-1870), Sektionsprotokolle, Laborbücher, Präparatelisten, Kostenauflistungen und vieles mehr. Daneben finden sich seltene Druckwerke aus den Bereichen Anatomie und Pathologie, zahnmedizinhistorische Objekte – vor allem Lehrmittel, Thementafeln mit extrahierten Zähnen, Lehrtafeln, Präparate, Modelle und Prothesen sowie humanmedizinhistorische Gegenstände, wie zum Beispiel diagnostische und therapeutische Instrumente, mit einem Schwerpunkt auf die Urologie, Mikroskope, Operationsstühle und Desinfektionsgeräte. Mit der Hörsaalruine des ehemaligen Rudolf-Virchow-Hörsaales besitzt das Berliner Medizinhistorische Museum einen atemberaubenden einzigartigen Veranstaltungsort. Durch Fliegerbomben am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört, dient die „konservierte“ Ruine heute als Ort für festliche Ereignisse, gesellschaftliche Zusammenkünfte und den wissenschaftlichen Austausch.
Die Sonderausstellung „Hieb & Stich. Dem Verbrechen auf der Spur“ belegt die bedeutende Rolle der Rechtsmedizin zur Aufklärung unnatürlicher Todesfälle.
Dabei konnten die Schüler, was bei diesen auch auf sehr großes Interesse stieß, die reale Arbeit der Rechtmediziner auch mit gängigen Fernsehklischees aus Kriminalfilmen, z.B. der „Tatort“-Reihe, vergleichen.
Leben, Tod und Sterben markieren die großen existenziellen Rätsel, die man mittels Spuren größtenteils lüften kann. Selbst aus wenigen Spuren - eine Leiche, ein Messer, ein bisschen Blut und Speichel - liest der Rechtsmediziner viel und manchmal alles. Er bestimmt Zeitpunkte, klärt Identitäten, rekonstruiert Abläufe. Klar und unbestechlich, zudem wissenschaftlich begründet und technisch versiert, hilft er, selbst die kniffligsten Rätsel zu lösen. Jenseits der Obduktion steht ihm ein Arsenal an unterschiedlichen Verfahren zur Verfügung. Postmortale Computertomographie, Blutspurenmusteranalysen, genetische Untersuchungen, Gifttests. Neben der Obduktion eröffnen medizinische bildgebende Verfahren neue Möglichkeiten. Die Obduktion erfolgt oft sehr früh in einem Todesermittlungsverfahren und die Gesamtzusammenhänge der Todesumstände sind häufig zum Obduktionszeitpunkt nicht vollständig erfassbar.
Heutzutage hilft auch hierbei die Computertomographie, ein radiologisches Schnittbildverfahren. Sie ermöglicht eine untersucherunabhängige, submillimetergenaue Dokumentation des gesamten Körpers ohne den Körper zu zerstören. Diese Datensätze stehen dann jederzeit für eine erneute Beurteilung zur Verfügung. Ferner lassen sich aus den generierten Datensätzen abstrakte, jedoch exakte Darstellungen von Befunden und Verletzungen rekonstruieren. Dieses spielt insbesondere bei gewaltintensiven Tötungsdelikten eine entscheidende Rolle, da hier eine blutfreie und für den medizinischen Laien verständlichere Form der Befundvermittlung möglich ist. Es ist ferner auch Jahre nach der Tat möglich, neue Erkenntnisse (z.B. mögliche Tatwaffen oder durch Geständnis bekannt gewordene Tatabläufe) mit den Befunden am Leichnam zu vergleichen. Die Computertomographie wird im forensischen Alltag als Ergänzung zur Obduktion eingesetzt. Das Berliner Institut für Rechtsmedizin der Charité Universitätsmedizin Berlin besitzt seit 2011 einen Computertomographen und hat seitdem über 2000 postmortale Computertomographieuntersuchungen (PMTC) als Ergänzung zur Obduktion durchgeführt. Schwerpunktmäßig findet das Verfahren Anwendung bei Verdacht auf ein Tötungsdelikt, bei tödlichen Verkehrsunfällen, Kindestodesfällen und unbekannten Toten sowie bei ausgewählten Todesfällen mit rekonstruktiven Fragestellungen.
„In einem gesunden Körper lebt ein gesunder Geist“ – dieses antike Motto wurde insbesondere von den männlichen Teilnehmern unserer Gesundheitszweig-Berlinfahrt in die Praxis umgesetzt. Einen Teil ihrer Freizeit verbrachten diese, ausgehend von ihren privaten täglichen Workout-Plänen und Trainingszielen, in ausgewählten Berliner Fitnessstudios, um ihren Körper und ihren Geist zu stählen.

Neben diesen Gesundheitsthemen und den verschiedenen praktischen Umsetzungen dazu, war für unsere Schüler auch ein umfassendes Programm mit staatsbürgerlichen und historischen Lerninhalten ein weiterer Schwerpunkt dieser Hauptstadtfahrt:
Schon einmal einen Trabbi mit Dachzelt gesehen oder in einer Datsche gesessen? Dies sind zwei Beispiele für die kleinen Fluchten des Alltags von DDR-Bürgern, die selbstverständlich nicht über den Mangel an Freiheit und Selbstbestimmung hinwegtäuschen. Zu bestaunen sind die Exponate in der neuen Dauerausstellung „Alltag in der DDR“ in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg. Sie zeigt Aspekte der ostdeutschen Lebenswirklichkeit in der Arbeitswelt und im Privaten. Im Zentrum der Präsentation steht das vielschichtige Spannungsverhältnis zwischen dem alltäglichen Leben, das individuell sehr unterschiedlich war, und dem politischen System, das diesem Alltag durch ideologische Vorgaben, Kontrolle und Zwang einen engen Rahmen setzte.
Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße war mit ihren 3000 Sitzplätzen bis 1943 die größte in ganz Europa. Interessanterweise wurde sie kein Opfer der Pogromnacht, sondern durch einen beherzten Polizeimann und die Feuerwehr vor der Zerstörung gerettet. Durch Bomben 1943 zerstört, wurde die Ruine der großen Synagoge 1970 abgetragen und der Vorderbau in den 1990er Jahren wiederhergestellt.
Im Rahmen einer sehr engagierten Informationsveranstaltung erläuterte eine Angehörige der jüdischen Gemeinde Berlins die Wesensmerkmale einer Synagoge und der Neuen Synagoge im Besonderen. Ferner verdeutlicht sie den Passauern die Unterschiede zwischen einer Synagoge und Moscheen sowie christlichen Kirchen. Ein weiterer wichtiger Punkt der Ausführungen galt den Inhalten des jüdischen Glaubens und des jüdischen Ritus. Aus der geplanten Stunde Führung wurden zweieinhalb und am Ende ein herzliches Dankeschön der Expertin dieses außergewöhnlichen Lernortes für das große Interesse, das die Passauer mit ihren Fragen bekundet hatten.
Das Kulturprogramm am Abend markierten die Konzerte der Academy of Saint Martin in the fields mit Beethoven und Schubert im Berliner Konzerthaus sowie von Wolf Biermann im Berliner Ensemble.
Aktuelle gesundheitspolitische Fragen thematisierte auch der Passauer Bundestagsabgeordnete Christian Flisek beim Besuch der Gruppe im Paul-Löwe-Haus:

Berlin04 Berlin05

die Akademisierung der Ausbildung im Heil- und Pflegebereich, die Ärzteversorgung auf dem Land, das Netz von mobilen Pflegediensten, die Wichtigkeit von Breitbandan-schlüssen auch in entlegenen Landesteilen und Aspekte der Generationengerechtigkeit. Daneben erfolgten informative Ausführungen zur Arbeit im NSA-Ausschuss und dabei zur Rolle von ausländischen und inländischen Geheimdiensten - die Anwesenden bekamen einen instruktiven Eindruck vom vielfältigen Aufgabenbereich und von der detaillierten Sachkenntnis des Passauer Parlamentariers, der sich seinerseits aber auch für die Eindrücke und die Sorgen der Gäste interessierte.

Berlin06

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gespannt verfolgte die Gruppe anschließend die Aussprache im Deutschen Bundestag zum Import von Billig-Textilien. Vor allem der rhetorisch geschickt und inhaltlich sehr engagiert vorgetragene Beitrag der Spitzenpolitikerin der Grünen ,Renate Künast, machte Eindruck.
Der Berliner Lichterkranz und die Rundumsicht von der „Goldelse“, über das Brandburger Tor und den Potsdamer Platz bis zum Fernsehturm am Alex beim abendlichen Reichtstagskuppelbesuch ließen nochmals die einzelnen Stationen der Exkursion Revue passieren. „Berlin, ik komm wieder – sei es als Student oder als Tourist!“

Berlin07 Berlin08

Dieses Statement gründet auf dem Feedback der Beteiligten: „Ich fand die Berlinfahrt großartig“, „eine sehr gelungene Exkursion“, „eine interessante und schöne Erfahrung“, „sehr beeindruckend und viele Eindrücke“, „am allerbesten hat mir das Museum gefallen“, „sehr zu empfehlen, vor allem für unseren Gesundheitszweig relevant“, „positiv für die Allgemeinbildung eines deutschen Bürgers und speziell für den Gesundheitszweig der FOS eine informative Erfahrung mit interessanten Vorträgen und Arbeitsaufträgen“.

Michael Dominik, OStR und Dr. Reinhold Haggenmüller, OStD