Projektwoche „Hörspiel“ der Klassen  BW12a und b - Eine Deutschschulaufgabe der anderen Art

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Patrick Pfeiffer auf Atmojagd im Schweinestall

Patrick Pfeiffer, Schüler der BW12a, steht im Landwirtkittel in einem Schweinestall Nähe Eging am See. In diesem Moment tritt ein Bekannter, der Landwirt Herr Drasch mit Eimern voller Kraftfutter an die Schweinekoben und mit einem Mal ist die Luft erfüllt vom Quieken und Grunzen Dutzender drängelnder, gieriger Sauen und Ferkel. Darauf hat Patrick gewartet: Er drückt das Audio-Aufnahme-App-Ikon seines Smartphones und zeichnet die Schweinegrunzlaute auf, in Radiosprech: Atmo. Perfekte Schweine-Grunz-Atmo. Der Besuch im Schweinestall ist nur einer von vielen Außenterminen von Patrick und allen anderen Schülerinnen und Schülern während der Projektwoche „Hörspiel“. Sein Job ist es Atmos und O-Töne aufzuzeichnen, die der Hörspielszene seiner Gruppe mit dem Titel „Dads Wagen“ (siehe MP3 ) den richtigen authentischen Raumeindruck und Raumklang verleihen sollen – und Schweine spielen nun mal in „Dads Wagen“ eine prominente „Rolle“, also müssen sie auch „zu Wort kommen.“

MP3-Audiodatei ''Dads Wagen''

Bei den Hillbillys in den Ozark Mountains
Circa 10 Schulstunden und ein Wochenende hatten die beiden BOS-Klassen Zeit, um eine 4-6 minütige Hörspielszene zu planen, zu skripten und zu produzieren. Den Handlungsrahmen hierzu lieferte die diesjährige Lektüre der beiden Klassen: Daniel Woodrells „Winters Knochen“, ein raffinierter Kriminalroman, der zugleich tiefsinnige Sozialstudie einer Art White-Trash-Parallelgesellschaft ist. „Winters Knochen“ spielt in den Ozark Mountains, einem kargen, dünn besiedelten Hinterland von Missouri. Nach mehrmonatiger unterrichtsbegleitender Portfolioarbeit zum Roman waren die Schülerinnen und Schüler nun mit Land und Leuten der Ozarks gut vertraut. Das erleichterte die Identifikation mit und das Einfühlen in die Figuren, was wiederum für das Skripten zugehöriger Sprecherrollen und eine glaubwürdige Performance vor dem Mikro unverzichtbar ist. Die Protagonisten sind „Hillbillys“, zu deutsch „Hinterwäldler“, mit rauen Umgangsformen und brutalen Sippengesetzen, die auf jeden Fall jenseits des Legalen liegen und meist mitten ins Kriminelle hinein führen. Aus Stolz, Trotz oder Not sind sie Selbstversorger, die die Waffe aber nicht nur verwenden, um Eichhörnchen vom Baum zu schießen, wie es die 16jährige zähe Heldin Ree Dolly tut, als alle Lebensmittelvorräte aufgebraucht sind.

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Auch bei den Hillbillys gibt es Supermärkte – Tobias Kellner, und Stefanie Hehberger
unterwegs im Supermarkt für die Szene „Da ist diese fette Schlampe!“

Ree sorgt alleine für ihre beiden kleinen Brüder und die pflegebedürftige, psychisch kranke Mutter, seit ihr Vater vor wenigen Monaten verschwunden ist. Der ist gegen eine hohe Kaution auf freien Fuß gesetzt worden, bis zur nun anstehenden Gerichtsverhandlung, wo er wegen seiner Crystal-Meth-Geschäfte mit einer langen Haftstrafe rechnen muss. Wenn Ree ihren Vater nicht bis zur Verhandlung auftreibt, verliert die Familie ihre ganze ohnehin kärgliche Existenz, denn der Vater hat Haus und Wald der Familie für die Kaution verpfändet. Auf ihrer verzweifelten Suche nach ihrem Vater Jessup ahnt sie rasch, dass dieser nicht mehr lebt. Dafür, dass Jessup mit der Polizei kooperierte und andere Mitglieder des Familien-Drogen-Clans verpfiffen hat, ist er gerichtet worden. (vgl. Sz_Ich will nicht sterben).

MP3-Audiodatei "Ich will nicht sterben"

Aber auch wer zu viel herumschnüffelt, wie Jessups hartnäckige Tochter Ree, muss mit Bestrafung durch den Clan rechnen. (vgl. Sz_Da ist diese fette Schlampe!) Kann aber andereseits auch auf Hilfe durch nämliche Clanmitglieder zählen, wenn es hart auf hart kommt für die Familie. (vgl. Sz_Die Wasserleiche)

MP3-Audiodatei "Da ist diese fette Schlampe"

MP3-Audiodatei "Die Wasserleiche"

Der Projektverlauf
Freilich konnten nur einzelne Sequenzen der Romanhandlung bei insgesamt 9 Gruppen dramaturgisch aufbereitet werden. Das kurze Zeitbudget musste den Schülerinnen und Schülern reichen, um den komplexen, aufwendigen Arbeitsprozess zu bewältigen: Nach der sorgfältigen Analyse der zugeteilten Erzählsituation, mussten Aufgaben und Rollen verteilt werden, ein spannendes temporeiches Manuskript mit einem Inneren Monolog im Zentrum erstellt werden, das zudem alle aufnahmerelevanten Informationen enthalten sollte.

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Gruppe „Showdown“: (von links) Ralf Freundenstein, Vadim Gorte, Nicole Brzezicki und Leon Fußeder beim konzentrierten Skripten

Schließlich war ein Produktionsplan zu entwerfen, damit alle anstehenden Arbeitsschritte überblickt werden konnten und ein erfolgreiches Zeitmanagement möglich war. Wegen der besseren akustischen Qualität wollten dann alle Gruppen für die Sprecherpassagen auch das schuleigene Aufnahmegerät anstelle ihrer Smartphones nutzen. Dabei wurde den Schülerinnen und Schülern schnell klar, dass der Performance vor dem Mikro die Schlüsselstelle zukam: Wurde aus einem guten Manuskript eine spannende Hörspielszene oder doch nur ein langatmiges Vorlesestück? Mutig und nicht immer konfliktfrei wurde Text wieder gestrichen, um Formulierungen und authentischen Vortrag gerungen, Stimmbildungsübungen für besonders renitente Nuschler eingeschoben, Sprecherrollen zwecks besserer Passung getauscht und und und. Das brauchte Zeit. Das dauerte... Ich tat mich als coachende Lehrkraft schwer, das locker gesetzte Zeitfenster fürs Einsprechen jeder Gruppe einzuhalten, wozu mehr Zurückhaltung beim Coaching notwendig gewesen wäre. Allerdings hieße das zugleich, die Ohren zu verschließen, gegenüber dem in den Szenen offenkundigen, noch brachliegenden Potential. Ich entschied mich für einen Mittelweg, wenngleich auch der nicht allen Unmut bei noch wartenden Gruppen vermeiden konnte.

Projektarbeit in der Schule braucht flexiblere Strukturen
Die Klassen wünschten sich (für das nächste Mal) einen von mir vorstrukturierten Tagesverlauf an den Produktionstagen mit fixen Zeitfenstern für jede Gruppe.Dass dem Wunsch entsprochen werden kann und dennoch die Einsprechzeit noch großzügig genug bemessen ist, ohne zu große Abstriche bei der Qualität machen zu müssen, verlangt jedoch zwei Tage Projektunterricht am Stück - ohne 45-Minuten-Gong und Lehrerwechsel. Die Zukunft wird zeigen, ob so effektive, schüleraktivierende Formen des Unterrichts wie ein gut geplanter Projektunterricht es vermögen auch die hierbei so hinderlichen starren schulischen Strukturen aufzubrechen.
Dass wir dann am Freitag Nachmittag dennoch alle Szenen im Kasten, respektive auf dem Aufnahmegerät hatten, verdanken wir den kooperierenden Kolleginnen und Kollegen, die spontan weitere Stunden zur Verfügung stellten. Und mein Dank geht auch an Lukas Schenk, meinen Wegbegleiter bei allen bisherigen Hörfunk-Experimenten: Er leistete die Einweisung in den Umgang mit dem technischen Equipment wie z.B. dem Schneideprogramm audacity und coachte darüber hinaus für ein paar Stunden die wartenden Gruppen bei ihren Einsprechtrainings.
Für die technischen Leiter der Gruppen begann dann am Freitag Nachmittag erst ihr arbeitsintensivster Teil des Projekts: Das gesamte Rohmaterial musste durchgehört, ausgewählt, geschnitten und so arrangiert werden, dass am Ende aus all der Vorarbeit ein stimmiges, rhythmisch ansprechendes und damit kurzweiliges Hörbild (sic!) hervorgehen konnte. Zum Teil bis in die Nacht hinein waren hier die Cutter am Werk, damit die MP3-Dateien samt anhängigen Arbeitsbericht bis zur Deadline 24°° verschickt werden konnten.
Großes Kompliment an ALLE Schüler und Schülerinnen der Klassen BW12a und b:
Eure Ergebnisse können sich wirklich sehen - Verzeihung - hören lassen! Hören Sie rein!

Julia Gais