Erstes  Doku-Drama der Hörspiel-AG

Im Artikel enthalten sind das Hörspiel als mp3-Audiodatei sowie Bilder vom Hörspielabend an der FOS/BOS Passau

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Das Hörspiel-Team (von links): Stefanie Lippl, Magdalena Moser, Leon Fußeder, Laura Weweck, Thomas Lermer, Marius Wilnat, Miriam Lauber, Julia Gais und Lukas Schenk, fehlend: Cedric Klein]

Der Fall Alexander Mooser
Alexander Mooser ist ein aufsässiges, eigensinniges, lautes Kind. Eines, das nach Wahrnehmung seines schulischen und familiären Umfeldes nicht stillsitzen kann, das nervt und alles macht, nur nicht das, was ihm aufgetragen worden ist. Kurz: Ein Störenfried, manchmal ein Träumer, meist ein Zappelphilipp, gelegentlich ein „Psycho“, wie ihn seine Mitschüler abschätzig nennen. Alexander Mooser ist die Haupt-figur unseres Hörspiels, das den Titel trägt: „Ritalinkonsum - Nebel im Hirn“. Mit dieser Metapher hat ein Schüler an unserer Schule, der Pate stand für unseren Alexander, den unangenehmen Modus be-schrieben, in dem er sich meist befand, nachdem er seine Morgen-Pille geschluckt hatte. Die Pille für den Zappelphilipp ist ein Psychopharmaka und enthält den Wirkstoff Methylphenidat, einer breiten Öf-fentlichkeit bekannt unter dem Markennamen Ritalin. Ritalin war einer der Renner auf dem Medikamentenmarkt der letzten beiden Jahrzehnte. Allein in der BRD wurden im Jahre 2013 rund 2 Tonnen des verschreibungspflichtigen Wirkstoffes verkauft, um damit Kinder und Jugendliche wie Alexander zu behandeln. Kinder und Jugendliche, bei denen eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (kurz: ADHS) diagnostiziert worden ist. Inzwischen ist der Schüler unserer Schule, der hier nicht mit seinem Namen genannt werden will, nach eigenen Aussagen seit Jahren „clean“, nach mehrjähriger Psychotherapie.
Idee und Storyboard
Seine Auskünfte über Kindheit bis hinein in seine Ritalinkonsum-Jahre elektrisierten mich und so ward die neue Hörspiel-Idee geboren: Eine Story rund um einen Problemschüler, der sein gesamtes soziales Umfeld wie man so schön sagt - „aufmischt“. Idealer Stoff fürs dramatische Genre, das ohne Konflikte nicht sein kann, ja geradezu davon lebt, dass sich jemand „fetzt“. Was würden wohl unsere Workshop-Teilnehmer und Teilnehmerinnen sagen, wenn wir ihnen, ganz anders als versprochen, die freie Themenwahl vorenthielten?
Großes Durchatmen bei Lukas Schenk und mir nach dem ersten Treffen im Café DUFT Mitte November: Unsere zu Beginn 12köpfige Mannschaft ist ausnahmslos von dem Themenvorschlag und dramaturgischen Konzept begeistert. Wahrscheinlich auch, weil nicht wenige aus unserer Truppe selbst junge Leute in ihrem Umfeld kennen, bei denen - meistens sind es Jungs - ADHS diagnostiziert und bereits Ritalin verschrieben worden ist. Zudem ist unseren Teilnehmern und Teilnehmerinnen bekannt, dass zahlreiche Studentinnen und Studenten (vor allem in „Büffelstudiengängen“ wie Jura und Medizin) dieses Medikament als Gehirndoping gegen Ermüdung und zur Konzentrationssteigerung einnehmen, ein klarer Fall von Medikamentenmissbrauch.
Angekündigt hatten wir auf unserem Werbe-Flyer das gesamte Stück an drei Tagen in den Faschings-Ferien vorzubereiten, zu skripten und auszuproduzieren. Welche Greenhorns wir doch waren! Wir müssen schmunzeln über unsere damalige naive Einschätzung des zeitlichen Umfangs eines solchen Projektes! Noch heute verwundert es uns, dass von der Stammbesetzung - nun auf 10 Leute gesund geschrumpft - nie ein Murren zu hören war, wenn wir Woche für Woche wieder freitags zum Workshop luden, um am Ende der Schreibphase bei einem Manuskript angelangt zu sein, das fast 40 Seiten umfasst. Und das wegen seiner ineinander geschachtelten Handlungsebenen und der Vielfalt an Darstel-lungsformen tatsächlich experimentell genannt werden kann: Die dramatischen Szenen des Haupterzählstrangs bilden zusammen mit Erzählersequenzen, einem Reporterstück, Collagen, Atmos und literarischen Zitaten ein komplexes Geflecht, das mithilfe akustischer, hierbei insbesondere musikalischer Blenden zwischen den Bausteinen zu einer dramaturgischen Einheit gefügt worden ist und hoffentlich als solche von den Zuhörerinnen und Zuhörern auch erfahrbar wird.

Bild2 „Immer alles schön im Blick behalten!“ - Das Storyboard

Der Kinderarzt
Wichtig war es uns, dem fiktiven Stück eine Reality-Ebene einzuschieben, um unser erfundenes Szena-rio rund um den ADHS-Schüler Alexander mit Fakten und Fachinformationen zu „erden.“
So wurde das gut einstündige Interview mit Herrn Dörrer, Facharzt für Kinderheilkunde, Kinderpädiatrie und Jugendmedizin in Freyung, kurzerhand zu einem Gebauten Beitrag geschnitten, und als Einspielung in den Handlungsrahmen unseres Stückes - eine fiktive Radiosendung - implementiert. Ursprünglich war das Interview nur für Recherchezwecke gedacht, um die Rolle des fiktiven integren Kinderarztes Wichat-Eckert auch fachlich korrekt, stimmig und glaubwürdig skripten zu können.

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Interviewtermin bei Herrn Dörrer, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

Dass wir mit unserem Thema ein noch immer heißes Eisen angepackt hatten, wurde uns schnell klar, als Herr Dörrer zunächst mit der Interviewzusage zögerte. Seine dezidiert kritische Haltung gegenüber einer rein medikamentösen Behandlung von ADHS mittels Methylphenidat wird bis heute von einigen Klienten und Kollegen nicht unbedingt geteilt und wertgeschätzt. Zwar ist man schon längst von der schulmedizinischen Meinung abgerückt, wonach es sich bei ADHS um eine angeborene Funktionsstörung des Gehirns handele. Doch ist die neuere Sichtweise, die die Ursachen im psychosozialen Umfeld der Kinder ausmacht, freilich gesellschaftlich brisant. Dies wirft nämlich unangenehme Fragen auf, wer bzw. was denn Mitverantwortung trage am „Sozialisationsdefizit ADHS“, wie es der renommierte Gehirn-forscher Gerald Hüther nennt: Elternhaus, Erziehungs,- und Bildungsstätten rücken so in den Fokus und Kinderarzt Dörrer sprach uns hierzu sehr klare, aufschlussreiche Worte ins Mikro, die uns nochmals zur Überarbeitung einiger Szenen anregten bzw. zwangen. Erst kurz vorm Produktionstermin war dann die dritte Fassung unseres Manuskriptes fertig gestellt, kopiert und an die Sprecher und Sprecherinnen verteilt, mit dem Auftrag, die eigene Rolle einzustudieren.
Die Produktion
Ca. 20 Stunden verbrachten wir dann in den Faschingsferien in den Studios des Zentrums für Medien und Kommunikation (ZMK) der Universität Passau. Eine Kooperation mit dem ZMK machte es uns möglich die modernste Medientechnik Bayerns zu nutzen. Auf dem Widescreen ist für alle Sprecher und Sprecherinnen sichtbar der Aufnahmeplan eingeblendet, so dass alle Beteiligten wissen, wann sie je-weils für ihren Part ins Aufnahmestudio müssen. Wer glaubt nichts zu tun zu haben, wird auf Außen-dienst geschickt, um noch fehlende Atmo einzufangen. Auch hier zeigt sich einmal mehr: Einsprechen dauert, gerade wenn sich die Regie nicht mit der ersten, zweiten oder dritten Version zufrieden gibt. Ein ums andere Mal werden die Sprecher und Sprecherinnen vor den Mikros animiert, „untereinander zu interagieren, die Rolle auszufüllen und zu spielen anstatt abzulesen! Drama Baby Drama!“ Dass die ein-zelnen Posten der Aufnahmeplanung zeitlich immer wieder nach hinten korrigiert werden müssen, sorgt für kleinere Krisen, neben den größeren, wenn sich der eine oder die andere vor dem Mikro doch nicht als die coole Socke entpuppt, für die er oder sie sich gehalten hat...irgendwann einmal waren aber das Lampenfieber und andere Künstlerkrankheiten ausgestanden und alle Sprechertexte und Atmos „im Kasten“. Dieses Rohmaterial ist freilich erst einmal nicht mehr als ein großer Scherbenhaufen: Datei für Datei muss schließlich durchgehört, geschnitten, stimmig arrangiert und gefügt werden. Ein weiterer sehr zeitaufwendiger Arbeitsabschnitt, der professionell wie immer von unserem Radiomann Lukas fast im Alleingang erledigt wurde. Das unverzichtbare (und in seiner Wirkung völlig unterschätzte) i-Tüpfelchen zu unserem Hörspiel steuerte dann noch unser Musikexperte Marius Wilnat bei, dessen Eigenkompositionen den hörbaren Kleber und Firnis zugleich unseres dramaturgischen Mosaiks bilden – womit noch immer nicht der volle künstlerische Mehrwert, den die Musik beisteuert, erfasst wird.

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Arbeiten mit bestem Equipement im ZMK

Resümee
Bei aller Leidenschaft für künstlerische Arbeit wollen wir zukünftige Hörspielprojekte, die von Freiwilli-gen außerhalb des umfangreichen schulischen Pflichtprogramms gestemmt werden, auf ca. 20 Minuten Spieldauer eingrenzen. Die Erfahrung des diesjährigen Workshops zeigt, dass andernfalls die Belastungsgrenze aller Beteiligten erreicht, wenn nicht gar überschritten wird.
Letztlich haben wir von Mitte November an jeden Freitag Nachmittag an unserem Stück gearbeitet, die vielen Sondertermine für das Interview, die Recherche, die Koordination des Projektes etc. gar nicht miteingerechnet.
Dennoch - was bleibt: Es war uns eine große Freude in einem so ausgesprochen agilen und harmonischen Team wie dem diesjährigen gemeinsam zu denken, zu fabulieren, zu streiten und vieles mehr. Herzlichen Dank allen Hörspielern und Hörspielerinnen fürs Mitmachen, Dabeibleiben und Durchhalten. Es hat sich gelohnt!
Unser experimentelles Hörspiel „Ritalin-Konsum – Nebel im Hirn“ gibt‘s jetzt ab sofort zum Anhören auf unserer Homepage.

Julia Gais

hier hören Sie „Ritalin Konsum - Nebel im Hirn"

Impressionen vom Hörspielabend an der Beruflichen Oberschule am 28.6.2017