Bild1 BR
Die Seminargruppe Hörspiel in München beim BR


Unser Besuch beim Bayrischen Rundfunk begann mit einer kleinen Enttäuschung: Die Schauspieler des bayrischen Radiotatortes (Drehbuch: Robert Hültner) rund um die Polizeiobermeisterin Senta Pollinger (gesprochen von Birgit Hobmeier) hatten schon die Woche zuvor eingesprochen. Das erhoffte Interview mit den aus der deutschen Film- und Theaterlandschaft bekannten Schauspielern fiel also ins Wasser. Doch die Exklusiv-Fachgespräche mit BR-Personal, das hinter den Kulissen wirkt und lenkt, ließen uns die entgangenen „Promi-Begegnungen“ schnell vergessen. Ohnehin sei das Tatort-Ensemble kaum je als Gruppe im Studio vor Ort, klärt uns Dramaturgin Veronika Süß auf. Üblich sei es vielmehr, dass die Schauspieler wegen diverser Terminkollisionen mit den Probe – und Spielplänen der Münchner Theaterlandschaft, ihre Passagen einzeln und alleine ohne ihre Dialogpartner einsprechen. „Die müssen in der Lage sein, notfalls mit der Luft zu raufen.“ , bringt die Regieassistentin Stefanie Ramb die beeindruckende Fähigkeit auf den Punkt, im Spiel den fehlenden Partner zu imaginieren. Mörder und Opfer, Kommissarin und Zeuge, - sie alle treten zumeist erst als Tonspuren in Kontakt miteinander, am „Tatort“ Studio sind sich die Spielpartner dagegen womöglich gar nicht leibhaftig begegnet.
Ähnliche Merkwürdigkeiten kamen auch im Gespräch über die Produktion der Geräusche zum Vorschein, ein Steckenpferd von Frau Ramb. Dazu schleppt sie schon mal Teile ihrer Wohnungseinrichtung ins Studio, um ihnen das vom Drehbuch geforderte Geräusch, im Fachjargon Atmo, zu entlocken. Trotz umfangreicher digitaler Soundarchive sind noch immer die Mehrzahl verwendeter Atmos ,handmade‘; sie werden einmal und einzig für eine bestimmte Hörspielsequenz produziert und aufgenommen. Wie macht man z.B. Blut hörbar, das durch eine Matratze sickert und auf Steinboden tropft? Mit solchen Fragen sehen sich die Geräuschemacher des Hörspiel-Teams konfrontiert. Dabei ist es oft keineswegs die Abbildung bzw. Nachahmung (akustischer) Realität, die den authentischen Höreindruck liefert. Offenbar haben wir (Hörer) auch vorurteilsbehaftete akustische Vorstellungen im Kopf, die von den Tontechnikern und Geräuschemachern des Hörfunks bedient werden (müssen?). Im Falle jener ,blutigen‘ Regieanweisung war es übrigens Wandfarbe bestimmter Viskosität, durch mehrere Bettlaken gestrichen und auf Keramik tropfend, die das gewünschte Hörerlebnis lieferte.
Sichtlich stolz führt die Tontechnikerin Daniela Röder das Equipment und die bauliche Sonderausstattung der Geräuschekammer und des Aufnahmeraumes vor. Wir werden in den sogenannten Schneckengang geschickt, aus der heraus ein Schrei klingt, als befinde sich der Rufende mehrere Hunderte Meter tief in einem Bergstollen. Staunen erntet auch die Wunderkiste voller Säckchen, mittels deren Füllungen täuschend echt verschiedene Bodenbeläge oder ein prasselndes Kaminfeuer imitiert werden können. Und vieles mehr.

Bild2 BR
Tontechnikerin Daniela Röder des BR mit Spezialequipment: dem Kugel-Flächen-Mikrophon (KFM)


Fast 2,5 Stunden standen uns die Fachfrauen vom BR Rede und Antwort. Vielleicht war es die angeregte und heitere Gesprächsatmosphäre, die verhinderte, dass sich bei uns jenes Gefühl einstellen konnte, vor dem das Studio-Team die Schauspieler und Schauspielerinnen im Aufnahmeraum schützen muss: beklemmende Enge und Isolationsangst. Die Tontechnikerin klärt uns auf: „Diese Wände schlucken nahezu allen Schall, genauer: es kommt kein Hall von den schallisolierten Schaumstoffwänden zurück. Seit jeher galten resonanzfreie Gefängnisräume als gefürchtete Foltermethode.“ Daher versucht man den Aufenthalt in den Aufnahmeräumen zeitlich zu begrenzen und immer wieder durch Pausen zu unterbrechen.
Wir hatten am Ende den Eindruck, auch die Hörspiel-Crew des BR hat sich über unseren Besuch und die ehrliche Wertschätzung ihrer Arbeit gefreut. Die Aufnahmetage unseres heurigen eigenen Hörspiels lagen noch nicht lange zurück und die diversen (z.T unüberwindlichen Hürden), die sich uns dabei wieder in den Weg stellten, helfen einen Sinn entwickeln für Qualität und allem, woraus sie erwächst.

Wer so mal nebenher beim Autofahren, Bügeln oder Kochen einen Radiotatort hört, ahnt eben nur in seltenen Fällen, was an handwerklichem und künstlerischem Wissen und Können von Nöten ist, damit am Ende der leichte, ungestörte Hörgenuss zustande kommt, der täglich aus den Lautsprechern zu uns dringt.
Herzlichen Dank an das Hörspiel-Team des BR, das nicht nur tolle Medienkunst schafft, sondern auch bemerkenswerte Öffentlichkeitsarbeit leistet, ganz exklusiv für den zahlenmäßig kleinen, aber feinen Hörspielnachwuchs aus Passau.

Julia Gais


Bild3 BR
Die Seminargruppe unterm Mikrophon-Galgen mit Regieassistentin (rechts) und Tontechnikerin (links)