Sollten Lehrerinnen in Flüchtlingsklassen unterrichten? Kann Deutschland den Flüchtlingsstrom verkraften? Wie kann unsere Gesellschaft davon profitieren?

Diesen und vielen weiteren Fragen des Lehrerkollegiums stellte sich Ralf Grunow, der als Sozialpädagoge im Jugendamt bzw. aktuell im Ausländeramt der Stadt Passau tätig ist. Als vor etwa eineinhalb Jahren die Turnhalle der Beruflichen Oberschule Passau in Auerbach zur bundesweit ersten Notunterkunft für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge erklärt wurde, war es Grunow, der ins kalte Wasser geschmissen wurde und sich ein Konzept für die Organisation dieses Provisoriums überlegen musste. Erst als im November 2015 die bundesweite Verteilung der Flüchtlinge beschlossen wurde, kam die sehnlichst erwartete Entlastung. Anfangs waren es afghanische, später dann auch syrische und irakische Jugendliche, die es zeitlich begrenzt zu betreuen galt. Nur selten waren auch junge Frauen unter ihnen. Schnell wurde Ralf Grunow und seinen Kollegen klar, dass die Flüchtlinge zur Selbstständigkeit geführt werden müssen, das heißt: Erwerb ressourcenorientierter Sprache (Ich suche… Ich kann… Ich brauche…), Aufklärung über grundlegende Gesetze und die westliche Lebensart. Die Jugendlichen müssten (leider) oft erst Grenzen überschreiten, um nachhaltig deutsche Gesetze und Werte kennenzulernen. Durch zahlreiche Beispiele aus seinem Arbeitsalltag vermochte es der Referent, die besonderen Herausforderungen im Umgang mit den jungen Flüchtlingen zu veranschaulichen. Angefangen bei der Frage, wie man sich in Deutschland angemessen begrüßt, oder der Aufgabe, ein Konto zu eröffnen, bis hin zur Einschätzung, ob es sich noch um einen minderjährigen (und damit schutzbedürftigen) oder bereits um einen erwachsenen Flüchtling handelt. Da viele der Neuankömmlinge ihren Glauben aktiv und ohne jede Einschränkung ausleben möchten, sei es nicht immer einfach, den Jugendlichen die deutsche Leistungsgesellschaft und die damit verbundenen Erwartungen an jeden Einzelnen näherzubringen. Die lebendig geführte Diskussion über die Wurzeln des Islam hob in aller Deutlichkeit die bevorstehende und schwierige Aufgabe hervor, die Muslime und den Islam in Deutschland zu integrieren. Auch die Diskrepanz der Bildungsvoraussetzungen und die meist unrealistischen Berufsvorstellungen (z. B. Fußballstar, Arzt) ringen den Mitarbeitern viel Geduld und Einfühlungsvermögen ab. Gleichzeitig zeigen sich die jungen Flüchtlinge sehr freundlich, zuvorkommend, kooperativ und dankbar – gerade für den Dienstleistungsbereich könnten sich hier laut Grunow also durchaus Chancen für unsere Gesellschaft eröffnen. Weitere Vorhersagen seien ansonsten nur schwierig zu machen. Doch der Sozialarbeiter ist optimistisch, schon ein Jahr vor Merkel motivierte er alle Beteiligten: „Wir kriegen das hin!“

Veronika Zels, StR

Gru02


Gru01