Eher durch Zufall ist Michael Drexler auf diese Schiene geraten: Der studierte Fotograf aus Hauzenberg war zu einem Praktikum und Filmprojekt in Sierra Leone – und blieb.

Seitdem stellt er seine Kreativität und sein Engagement in den Dienst der Menschen dort, mit denen er ein erfolgreiches Fair-Trade-Konzept auf die Beine gestellt hat. Am Donnerstag, 28.1.2016 war er zu zwei Vorträgen an unserer Schule. Unterstützt von vielen visuellen Eindrücken führte er den Schülerinnen und Schülern packend vor Augen, was mit der richtigen Portion Mut und Erfindungsreichtum alles möglich ist – am Beispiel des Unternehmens Balmed®.

Sierra Leone, gelegen an der Westküste Afrikas. Ein Land voller Schönheit, ein Land mit großen Diamanten- und Goldvorkommen, mit Kakao und Kaffee. Aber da sind vor allem auch die großen Probleme, die das Land beuteln: Große Armut. Hohe Analphabetenrate. Viele alleinerziehende Mütter, von denen die meisten Opfer der Genitalbeschneidung geworden sind. Schädliche, teils mafiöse Geschäftsstrukturen. Die meisten würden die Flinte ins Korn werfen. Man kann jedoch auch Teufelskreise zu durchbrechen versuchen!
Und so wurde vor einigen Jahren ein bereits bestehendes Unternehmen, das sich eigentlich auf Diamanten spezialisiert hatte, auf Zutun von Drexler umgestaltet und widmet sich seitdem dem Kakao-Anbau. Alle hinzugekommenen wirtschaftlichen Standbeine sind ebenfalls ausschließlich im Lebensmittelbereich angesiedelt. Das Projekt ist beeindruckend: Höchst transparent vermarktet man momentan den Kakao, der auf 436 Hektar angebaut wird (und möchte in den nächsten Jahren auf ca. 4.000 ha erweitern). Für diese Frucht ist Sierra Leone auch wirklich hervorragend geeignet, denn nur bis zum jeweils 20. Breitengrad gedeiht Kakao überhaupt. Balmed® sichert so vielen Landbesitzern und Kakaobauern vor Ort eine solide und einträgliche Lebensgrundlage, denn mit ca. 1.500$ Jahresgewinn liegen die Zulieferer weit über dem Landesschnitt und der Armutsgrenze. Kern der Firmenphilosophie ist die Trias „Planting - Trading – Developing“: Man kümmert sich zu fairen Bedingungen um den Anbau, vermarktet die Produkte desgleichen – und unterstützt dabei auch bewusst Bildung, Gesundheitswesen und Elektrifizierung. Natürlich hat das Unternehmen mittlerweile eine „Board“-Leitungsstruktur, anders wäre es bei ca. 500 Mitarbeitern und ca. 14.000 Zulieferern auch gar nicht mehr möglich. Von der Qualität des Unternehmens zeugen Zertifikate und positive Stimmen der Welthungerhilfe, der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), von Fairtrade oder hochrangigen deutschen Politikern.
Freilich geht es nicht ohne gewisse Zugeständnisse, ohne sich mit der herkömmlichen Wirtschaft zu arrangieren: Man braucht die Zusammenarbeit mit großen Food-Konzernen als Abnehmer und mit Investmentbanken. Denn nur diese Art können den langfristig erfolgreichen Aufbau des Unternehmens finanzieren. Namen wie „Nestle“ und „Deutsche Bank“ lassen bei manchem eine gewisse Skepsis aufkommen, wie kritische Nachfragen aus dem Publikum zeigen. Aber nur so bleibt man am Markt erfolgreich und kann überhaupt erst etwas zum Besseren verändern, erklärt Michael Drexler. Dafür oder auch um die Bauern dazu zu bringen, ihre Kinder nicht als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen, braucht es jedenfalls einen langen Atem.

Mit den Bedingungen leben, kreativ darauf reagieren und sie Stück für Stück zum Besseren wenden – sogar während der schrecklichen Ebola-Epidemie konnte man so Hoffnung geben. Sierra Leone war eines der stark betroffenen Länder, aber man ließ sich nicht unterkriegen. Nicht nur, dass in der Quarantäne-Zeit der Gemüse-Anbau als weiteres Projekt gestartet wurde. Die Partnerschaft mit dem großen Softwarekonzern SAP, der ganz moderne Bezahlsysteme per App zur Verfügung stellte, erwies sich in der Ebola-Krise als Gold wert. Kurzerhand wurden die Programme so modifiziert, dass man binnen weniger Tage für die Vereinten Nationen landesweit verlässliche Daten erheben konnte, die sonst mühselig hätten zusammengetragen werden müssen. Effekt: Hilfslieferungen der UN trafen um Wochen früher ein. Man staunt, was alles möglich ist mit etwas Improvisation und Mut.

Blende zurück: „Diese Wirtschaft tötet“. Mit diesen Worten von Papst Franziskus hatte Religionslehrer Martin Clemens, auf dessen Einladung hin der Referent gekommen war, eingangs auf die Brisanz der Thematik hingewiesen. Natürlich meint das Kirchenoberhaupt nicht die Wirtschaft als solche, sondern eine ganz bestimmte, völlig dem Kapitalzuwachs ergebene und daher menschenfeindliche. - Das Beispiel von Martin Drexler und Balmed® dagegen zeigt, wie es auch anders geht. Es lässt sich etwas tun. Im Kleinen erst, aber mittels solcher Bausteine lässt sich vielleicht die Welt langfristig zu einer besseren machen – mit einer Wirtschaft, die den Menschen leben lässt, die gut für ihn und gut zu ihm ist. - Handel, der fair und gerecht ist. Leute, die sich was trauen. Menschen, die miteinander etwas in die Hand nehmen.

Wenn das nicht hoffen lässt!

Stephan Reiter