Sollen wir gleich wieder aufhören und nach Hause gehen? Raus aus der Schule? Den Lehrern ein bisschen „in den Ruckn falln“? - Jo Strauss grinst, und man ahnt schon, wie sein Programm sein wird: subversiv und widerständig.

Morbide, rauchverhangene Atmosphäre, wie es sich für das Genre „Neues Wienerlied“ nun mal gehört. Aber geraucht hat er dann doch nicht auf der Bühne, und auch nicht alle nach Hause geschickt (freilich gab´s eine großzügige Zigarettenpause). – Und was hätten wir verpasst!
Am Donnerstag, den 18.2.2016 waren auf Anregung von Herrn Hintermayr der österreichische Liedermacher und Kabarettist Jo Strauss und seine Musiker zu einem Auftritt in unser Haus gekommen, im Rahmen der Reihe „Literat(o)ur“. Ungewohnt, aber erfreulich ungewohnt war, dass diesmal gleich eine ganze (hochkarätige!) Band um einen unglaublich präsenten Frontmann zu erleben war: mit Wiener Charme, Wiener Grant, philosophisch-skurrilen Reflexionen und natürlich einem Extra-Schuss Morbidität im musikalischen Mokka. Zarte Musikalität und plötzlich wieder unglaublich laut und funky – das ist die Jo Strauss-Band. Alles getragen von einer Stimme, die … ja, wie beschreiben? Hätte Louis Armstrong an der Wiener Staatsoper Bassbariton gesungen – ungefähr so könnte er geklungen haben. Wie man zu solch einer Stimme kommt? Der freundliche Tipp: Sechs bis acht Schachteln am Tag … - In lässiger Conférence berichtet Strauss, Scharfrichterpreisträger 2014 und studierter Philosoph, er habe mittlerweile ein eigenes „Büro“ eingerichtet. Am Kaffeehaustisch natürlich. Der Ober sei schon ganz gut als Sekretärin. Dort klärt er dann beispielsweise hilflose Wiener auf, wie sie den abhanden gekommenen Grant wiederfinden – der philosophische Solipsismus liefert das Theoriegebäude, das Stück „Der ganze Dreck“ bringt es musikalisch auf den Punkt. Immer wieder brillant die Musiker, auch auf entlegenen Pfaden: Stefan Sonntagbauer legt ein hinreißendes Solo auf dem E-Bass hin; und bei „Blauboad I“, einem Stück über einen die Gattinnen meuchelnden Ringelspiel-Besitzer, spielen David Sonntagbauer auch Toypiano und Tobias Wagner Küchenmesser und Topfdeckel – die Form fügt sich dem Inhalt … - So geht es weiter: Wenn in einem Prager Kaffeehaus einer mit der Gretchenfrage kommt („Nun sag, wie hast du´s mit der Religion?“, Goethe: Faust I, V. 3415) und sich dann nicht wenigstens als Teufel höchstpersönlich herausstellt, dann bekommt er zwar einen Gottesbeweis geliefert, der aber drolligerweise nur für Hühnergötter gilt … - Das Stück „Hamburg im Regen“ begutachtet zögernd poetische Landschaftsbilder, um dann lapidar zu dem Schluss zu kommen, es funktioniere mental einfach nicht „bei dem Scheissregen“. Und auch die zentrale Frage, warum die Wiener dem Tod so gerne und kunstsicher derartigen Glanz verleihen, findet mehrfach Beantwortung. Strauss verweist auf Krieg, Pest und Jacques Derrida - und ein Standardwerk der 70er-Jahre. Wenn in diesem Haushaltsratgeber an prominenter Stelle nachzulesen sei, wie man Blutflecken aus dem Teppich bekommt – „ja, da gehn Türen auf für Verwandtschaftslösungen …“ Ein höchst unterhaltsames Kaleidoskop des schwarzen Humors - bis hin zu einem beherzten Rausschmeißer, bei dem Lukas Höfler ein phänomenales E-Gitarren-Solo in Rock-Manier hinlegt – Körperarbeit pur!
Zwei wunderbare Stunden waren das mit Künstlern, die nach eigener Auskunft übrigens auch „für Hochzeiten“ buchbar sind (und „Scheidungen, weil´s da eh schon wurscht ist“). Wer nicht weiß, warum sich „A Sackerl aa?“ vom Attersee-Gebiet aus als neue austriazistische Grußformel durchsetzt – besuchen Sie ein Jo Strauss & Band-Konzert! Aber auch sonst: Hingehen! Absolut empfehlenswert!

Stephan Reiter