Am 23. und 24. Februar 2016 fand die 5. ICM-Konferenz statt - erstmalig nicht an der Philipps Universität in Marburg, sondern an der Fachhochschule in St. Pölten (Niederösterreich). „ICM“ steht für Inverted Classroom Modell...

und beschreibt damit dasselbe methodische Vorgehen wie „Flipped Classroom“: die Lernorte (Hoch-)Schule und heimischer Schreibtisch werden vertauscht – die Wissensvermittlung erfolgt somit nicht länger an der Schule, sondern daheim, wohingegen die Übungsphasen nun an der Schule erfolgen. An der Schule wird diese Methode „Flipped Classroom“ genannt; für die Hochschule hat sich der Begriff „Inverted Classroom“ durchgesetzt.

Ott und KellySt. Pölten ist mit dem Zug von Passau aus in etwas mehr als zwei Stunden zu erreichen und damit für mich genauso „naheliegend“ wie das Thema der Konferenz: mit dem Flipped Classroom beschäftige ich mich seit ca. zwei Jahren und wende diese Methode sehr gerne im BWR- und Wirtschaftsinformatikunterricht an. Voller Erwartungen fuhr ich zum Kongress und wurde nicht enttäuscht.

Die Keynote, so nennt man heutzutage die Eröffnungsrede, hielt Steve Kelly, ein Mathematiklehrer aus Michigan, der seit vielen Jahren in der Lehrerausbildung tätig ist. In seinem Vortrag „A teacher´s journey to flipped learning“ stellte er fest: „Die Schüler sind anders als vor 10, 20 Jahren. Doch der Unterricht hat sich seitdem fast nicht geändert. Gerade heute brauchen uns die Lernenden mehr als je zuvor.“ Das Internet eröffne ein Universum an Möglichkeiten, die im Unterricht noch brach lägen. Mit ihren Handys hätten die Schüler „the world at their fingertips“, doch anstatt diese Geräte als Werkzeuge einsetzen zu lassen, würden sie von vielen Lehrern als Spielzeuge verdammt.

Kelly berichtete davon, wie er seinen Unterricht unter Verwendung eigener Videos geflippt hat und rät jedem, der diese Methode ebenfalls ausprobieren möchte: „Beginnt mit einem Video! Niemand erwartet, dass ihr auf eurem YouTube-Kanal sofort 50 Filme anbietet. Lasst euch Zeit. Macht Erfahrungen und lernt dazu.“ Für ihn müssen es auch nicht zwingend eigene Produktionen sein. „Es gibt im Internet so viele tolle Videos. Warum soll man diese nicht im Unterricht einsetzen? Viele Lehrer haben Angst davor, schlechte Videos zu produzieren, die sich ja dann auch die Eltern der Schüler oder Kollegen ansehen können. Oje, was werden die wohl davon halten???“ Doch Steve Kelly tröstete: nicht die Qualität des Videos ist entscheidend, es muss kein Hollywood-Film sein – wichtig ist, dass es fachlich korrekt ist. Wer jetzt denkt, dass die Videos im Mittelpunkt des Lernens und Lehrens stehen, der täuscht sich. Kelly zitierte Jon Bergmann, einen der Begründer des Flipped Classrooms: “It’s not about the videos, it’s about the quality curriculum you offer during your new found class time.” Entscheidend ist also, was der Lehrer nun in der gewonnenen Unterrichtszeit macht.

Auf die Frage „Ist der umgedrehte Unterricht die Antwort auf alles?“ sagte Kelly: „Ich weiß es nicht. Ich bin kein Gebrauchtwagenverkäufer, der behauptet, dass alles super ist und immer währt. Aber Flipped Classroom ist der Übergang zum Lernen im 21. Jahrhundert, von dem schon 15 Prozent vorbei sind.“

Der nachfolgende Workshop mit Gerhard Brandhofer hieß „ICM und Audience Response Systeme (ARS)“ und behandelte die Einsatzmöglichkeiten von Webplattformen oder Apps, die eine schnelle Rückmeldung des Publikums (der Schüler) an Vortragende (den Lehrer) bieten. Die Schüler beantworten online (über Handy oder Tablet) die Fragen des Lehrers. Direkt nach der Befragung können die Antworten ausgewertet und die Ergebnisse z. B. über Beamer präsentiert werden. Die Funktionsweise der ARS kann man sich wie den Publikumsjoker bei „Wer wird Millionär?“ vorstellen: Frage – Abstimmung – Ergebnis. Diese ARS sind leicht zu bedienen und sie garantieren Spaß im Unterricht, da die Lernzielkontrollen nicht wie sonst so oft auf Papier, sondern sehr spielerisch über Handy erfolgen.

Nach einem erkenntnisreichen und sehr inspirierenden Tag hatte ich am Abend die Gelegenheit, mit einigen der „VIPs“ der Konferenz wie Steve Kelly (siehe Foto), Mag. Christian Freisleben-Teutscher (FH St. Pölten) und Prof. Jürgen Handke (Uni Marburg) auf ein Bier zu gehen. Dabei sprachen wir natürlich auch über Flipped Classroom. Die VIPs erzählten, wie die Flipped Classroom-Bewegung in den letzten Jahren an Schwung gewonnen hat, was sich mitunter auch an den stets ansteigenden Teilnehmerzahlen an den Kongressen widerspiegelt. Sie hat somit den Charakter einer Graswurzelbewegung, einem Wandel, der nicht von oben diktiert wird, sondern sich aus der Lehrer- und Professorenschaft heraus vollzieht. Die Veranstalter des Kongresses, Mag. Freisleben-Teutscher und Prof. Handke, waren mit der diesjährigen Besucherzahl sehr zufrieden. „Das Gras wird höher und die Wiese dichter bewachsen“, drückte es ein Teilnehmer der abendlichen Runde aus.

Am Mittwochnachmittag referierte Prof. Karsten Morisse (Hochschule Osnabrück) über „Inverted Classroom in der Hochschullehre“. Seine Studierenden schauen sich im Vorfeld der Vorlesungen Erklärvideos an (Wissensvermittlung), um dann die Zeit in der Präsenzphase an der Hochschule zur Vertiefung (durch Anwendung und Übung) zu nutzen, denn „gemeinsame Präsenzzeit von Lernenden und Lehrenden ist kostbar“, so Prof. Morisse.

Seine Studierenden schätzen diese Methode, weil sie ihre Zeit selbst einteilen können, sie sich die Videos jederzeit und wiederholt anschauen können, ihr selbstständiges Lernen gefördert wird und sie zur Eigenverantwortung angeregt werden.

Prof. Morisse zitierte einen Satz aus Gunter Duecks Buch „Professionelle Intelligenz“: „Die Lehrer sind nicht mehr das Tor zu Bildung. Die Portale der Bildung sind mehr und mehr im Netz. Die Schüler brauchen dann allerdings richtig gute Reiseführer in der virtuellen Welt.“

Wenn die Zeit für die Wissensvermittlung aus dem Unterricht ausgelagert wird, so kann die Zeit in der Schule für andere Aktivitäten genutzt werden. Simone Dinse de Salas, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, stellte in ihrem Workshop dazu die Methode „Lernen durch Lehren“ vor, die auch an der Hochschule eingesetzt wird. Dabei gestalten die Studierenden mit Unterstützung der Dozenten Seminarstunden. Sie erarbeiten die Inhalte und führen dann auch die Vermittlung des Wissens an die Lerngruppe durch. Zusätzlich können die Studierenden Erklärvideos produzieren und dabei zusätzlich zu ihren inhaltlichen und didaktischen auch technische und mediendidaktische Kompetenzen erwerben.

Carina Maier, Lehrerin an der AHS Heustadelgasse in Wien, bloggte live von der zweitägigen Veranstaltung. Sie brachte es am Ende des „ICM 2016“ auf den Punkt:

„Meine 5 Take-Home-Messages:
1. Bei ICM geht es nicht nur um die Qualität der Videos, sondern vor allem auch um die Qualität der Präsenzzeiten.
2. Das Rad neu zu erfinden ist nicht notwendig. Die Community ist da, Vernetzung ist alles.
3. Mut zum Ausprobieren bringt’s. Und wenn man einmal scheitert – so what? Alle Vortragenden sprachen über ihre Lernprozesse und Anfangsfehler.
4. Sockenpuppen sind erstaunlich ausdrucksfähig.
5. ICM ermöglicht Individualisierung, weil in den Präsenzphasen dafür plötzlich mehr Zeit vorhanden ist.“

Der nächste ICM-Kongress findet nächstes Jahr in Marburg statt. Ich werde bestimmt wieder mit dabei sein und mich bis dahin fragen, wie hoch das Gras dann im Februar 2017 wohl stehen wird.

Andreas Ott, OStR