Es war der 18. Dezember 2014, an einem kalten, spätherbstlichen Nieselregentag, als sich ...

donnerstags gegen Mittag im Café Duft auf einen, in der gegenwärtigen Zeit beinahe anachronistisch wirkenden, Versuch einließen: Einen eigenen philosophisch-literarischen Zirkel im Geiste der Salons des 18. Jahrhunderts ins Leben zu rufen. Voraus ging diesem couragierten, ja gar tollkühnen Vorhaben eine lyrische und eine philosophisch-soziologische Erkenntnis, die im Rahmen des Deutschunterrichts der Klasse BW 13 reiften. Die lyrische: Wahrnehmungen, Gefühle und Stimmungen von Dichtern längst vergangener Epochen können – lässt man sich ansprechen - hochaktuell und so brisant sein, dass der aufmerksame Leser einen grundlegenden Bewusstseinswandel erfahren kann. Die philosophisch-soziologische: Uns allen wohlbekannte und belastende Entfremdungs- und Beschleunigungsphänomene können nur aufgehoben werden, wenn sich der Einzelne menschliche Gemeinschaften sucht, in denen er wohltuende Resonanz- und Sinnerfahrungen macht. Letztere Erkenntnis war das Ergebnis der Lektüre und Analyse aufschlussreicher Sachtexte des hochdekorierten Soziologen Hartmut Rosa, die Anlass boten für profunde Klassendiskussionen.
Besonders Frau Gais ist es als Initiatorin zu verdanken, dass es zu diesem einmaligen Experiment überhaupt kommen konnte, denn sie erkannte, dass es an ihrer Schule, in ihren Klassen, Mitmenschen gibt, die danach dürsten ihre Beobachtungen und Empfindungen ihres Lebensalltags Ausdruck zu verleihen, ohne sogleich ein Poet oder Philosoph sein zu müssen.

PhilGais

An jenem Dezembertag fanden sich also die bis dahin einander wenig Vertrauten, namentlich Sebastian Müller, Simon Hartl, Marius Wilnat und Anian Bittner aus den Klassen BW13 und BT12b sowie Julia Gais ein. Das gediegene Ambiente des Cafés schien die Entfaltung sachlich-rationaler, aber mitunter auch emotionaler Gedankenfeuerwerke geradezu zu befördern. Während der oft hitzigen, engagierten Debatten erntete die Runde durchaus gelegentlich auch verwunderte Blicke der Gäste an den Nachbartischen.
Unbeschadet der Tatsache, dass alle Teilnehmer unterschiedlichen sozialen Hintergrund haben, war und ist ihnen eines gemein: Sie sehnten sich nach mehr als nach einer Klatsch- und Tratschrunde. Sie hielten Ausschau nach einem Freundeskreis, der ihn helfen sollte, sich gegen die moderne, beschleunigte Welt samt ihren überbordenden Herausforderungen und der damit einhergehenden Entfremdung seiner Selbst zu wappnen, ohne sich vor dem Leben zu verschließen. Sie suchten (und fanden) eine Sinngemeinschaft, in der man sich füreinander Zeit nimmt, sich streiten, seine konstruierten, subjektiven Wirklichkeiten austauschen und über die Erfahrung der Welt des anderen seinen Blick korrigieren und erweitern kann. Und nicht zuletzt um brennende Fragen zu gegenwartsbezogenen, gesellschaftlichen Themenkomplexen zu bereden und für sich selbst einordnen zu können.
Weitere Zusammenkünfte waren keineswegs sicher, doch bereits nach dem ersten Beisammensein war klar, dass hier etwas Gutes im Begriff war zu entstehen, was gewiss auch an der Offenheit, der Neugier und der Begeisterung aller Beteiligten lag. Aber auch die Nachsicht der Anwesenden füreinander, es jedem selbst zu überlassen, inwiefern und inwieweit er sich einbringt, - diese Zwanglosigkeit, ist sicherlich ein weiteres Moment, das dem Fortbestehen dieser Gruppe zuträglich war und ist.
Die Sujets dieser Runde waren so breit gefächert, wie es die Interessen der Beteiligten sind. Die Teilnehmer hatten wöchentlich im E-Mail-Verteiler die Gelegenheit, ein Thema, das sie selbst ausnehmend interessierte, für den nächsten Treff vorzuschlagen. So wurde beispielshalber mit Verve über ethische Grundsatzfragen in den Naturwissenschaften debattiert, mit #regrettingmotherhood ein Thema am Puls der Zeit eingebracht oder mehrfach leidenschaftlich über Kapitalismus und (bessere) Alternativen zu dieser alle Lebensbereiche durchwurzelnden Gesellschaftsform diskutiert.
Weiter wurden bisweilen auch persönliche Motive und Beschwernisse zum Gesprächsinhalt dieser Runde, die sich selten mit weniger als 3 Stunden Gesprächszeit, die wie im Flug verging, zufrieden gab.
Freilich waren anfangs die Blicke gelegentlich noch unsicher, der Umgang miteinander noch nicht eingeübt und die Aussagen zu Beginn besonders achtsam und mit der Fremden gegenüber gebührenden Rücksicht gewählt, doch diese Zurückhaltung löste sich innerhalb kurzer Zeit in einer lebendigen Diskussion auf. Jener Tag im Dezember war der Beginn einer vertrauten Gemeinschaft, die stets den unterschiedlichen Ansichten und den teils kontroversen Standpunkten der Runde Respekt zollte, die selbst weite Horizonte noch zu erweitern vermochte, neue Zukunfts- und Lebensplanungen hervorbrachte und Freundschaften schaffte.
Durchaus war die Besetzung nicht immer die gleiche. Mal fehlte der eine, mal gesellten sich weitere Interessierte hinzu.
Heute, mit dem baldig sechsmonatigen Bestand dieser Gruppe, hat sich ein fester, kein geschlossener (!), Zirkel herausgebildet, der beinahe jeden Donnerstag, an diesem einen Platz im Café Duft, zusammenkommt und der sich immerzu auf neue Gesichter und weltoffene, am Gedankenaustausch interessierte Mitmenschen freut. Das spannende Experiment geht weiter.

Sebastian Müller, BW13, und Julia Gais