Meine Damen und Herren,

Jeder von uns kennt den Spruch „Nihil sub sole novum“ bzw. in seiner deutschen Übersetzung „Es gibt nichts Neues unter der Sonne!“ Zum ersten Mal schriftlich fixiert finden wir das Diktum im Alten Testament in der Überlieferung der Vulgata, anschließend wurde es von unterschiedlichsten Personen zu unterschiedlichen Zeiten und zu unterschiedlichen Zwecken immer wieder zitiert bzw. gebraucht. So auch heute.

Das Statement „Nihil sub sole novum“ ist wahr und falsch zugleich.

Es ist unwahr, denn spätestens mit dem heutigen Tag, dem offiziellen Eröffnungstermin des kompletten Passauer Planetenpfades, glänzt und strahlt die Sonne auch in der Dreiflüssestadt und nicht nur über ihr. Die Sonne ist damit in Passau nicht nur an wolkenlosen und nebelfreien Tagen spürbar, sondern tagtäglich sogar erlebbar, greifbar, vielleicht sogar auch begreifbar. Die Funktion des Zentralgestirns Sonne als Energie- und Lebensspender, die Größe der Sonne und ihr Einfluss auf die sie umkreisenden Planeten des Systems wird zum einen durch die Materialgebung der Sonnenkugeldeutlich. Der warme Bronzeton grenzt sich bewusst gegenüber dem kalten Edelstahl der Planetendarstellung ab. Die Dominanz der Sonne wird ferner auch durch die maßstabsgetreue Relation des Zentrums zu seinen Planeten augenscheinlich und erfahrbar. Lassen Sie mich dies mit drei Vergleichen veranschaulichen: Jeder gelaufene Meter auf dem PPP entspricht einer Million Kilometer im Sonnensystem. Die Sonne macht über 99% der Masse des Sonnensystems aus, die Sonne hat das Volumen von einer Million Erden.

Doch das eben schon zitierte Statement „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ ist auch wahr. Ich will hier keinesfalls die neuesten Erkenntnisse und Ergebnisse der Astronomie, der Astrophysik, der Geo- und Planetenwissenschaften gering achten, die im Wesentlichen auf verbesserten technischen Hilfsmitteln fußen. Tatsache ist aber, dass unser heutiges Verständnis des Sonnensystems auf dem Werk „De revolutionibus orbium coelestium“ des Nikolaus Kopernikus gründet, das 1543, also schon vor fast einem halben Jahrtausend, erstmals in Nürnberg gedruckt worden ist. Nikolaus Kopernikus beschrieb in seinem Opus ein mathematisch--naturphilosophisches Modell, nach dem sich die Planeten einschließlich der Erde um die Sonne bewegen und die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Die Übernahme des heliozentrischen Weltbildes, die sog. Kopernikanische Wende, leitete einen Wandel im menschlichen Bewusstsein ein mit den hinlänglich bekannten Konsequenzen auf unsere Weltsicht, auf unser Menschenbild- und Gottesverständnis.

Die bisher umrissenen Positionen These und Antithese führe ich nun gemäß dem Hegel’schen dialektischen Dreischritt zur Synthese und entfalte die didaktischen Intentionen der Schulen, die diesen Passauer Planetenpfad initiiert und mit der großherzigen Hilfe der Sponsoren realisieren konnten.

Der PPP verfolgt drei Zielsetzungen:

1. Der PPP gibt jedem Betrachter die Möglichkeit, sich über die gesicherten Grundkonstanten des Sonnensystems zu informieren.

2. Der PPP soll zugleich die unvorstellbaren Dimensionen des Weltraums und die Entfernungen in unserem Sonnensystem ein wenig begreifbarer machen. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass unsere Sonne nur ein Stern von Milliarden in unserer Galaxie ist und unser Sonnensystem im Universum so klein und unbedeutend ist wie ein Sandkorn in der Sahara. Schon an diesem Punkt stoßen wir an die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens und unserer Vorstellungskraft und es machen sich Staunen, Bewundern und Fassungslosigkeit breit.

3. Diese Punkte münden letztlich in philosophisch-theologischen Sphären, denn die Fragen des Woher?, Warum? und Wozu? bleiben für jegliche Interpretation offen.

Der PPP soll nicht nur museales Ausstellungsstück sein, sondern seine Betrachter an die zentralen Fragen der Astronomie, der Physik, der Kulturgeschichte, darüber hinaus aber auch an die existenziellen Lebensfragen heranführen. Diese Verpflichtung legen sich die beteiligten Schulen, das Gymnasium Leopoldinum und die Berufliche Oberschule Passau, auf, um den PPP mit Leben zu erfüllen. Zugleich geben sie diese Anregung auch an alle Bildungs- und Kultureinrichtungen in der Stadt Passau weiter und appellieren an sie, den PPP in ihre Programme zu integrieren.

Wer die Frage stellt „Cui bono?“, also: „Wem nützt es?“, den verweise ich auf Albert Einstein, mit dem ich schließen möchte:

„Wer einen Gedanken findet, der uns auch nur ein wenig tiefer in das ewige Geheimnis der Natur blicken lässt, dem ist eine große Gnade zuteil geworden.