Der eHive ist ein High-Tech-Bienenstock, bei welchem mit Hilfe verschiedenster Sensoren die Bienen rund um die Uhr beobachtet, die Daten aufgezeichnet und in einer Datenbank gespeichert werden.

Solche eHives (beehive = Bienenstock) stehen inzwischen an zahlreichen Bildungs- und Forschungseinrichtungen in ganz Europa und erfassen dort das Verhalten der Honigbiene. So ist ein internationales Netzwerk aus Messstationen entstanden, das von BeeBIT (www.beebit.de) betreut und weiter ausbaut wird. Die Schüler der einzelnen Einrichtungen und Länder können so die eHive-Daten in verschiedenen Regionen Europas vergleichend studieren, mit realen Lebensbereichen verbinden und internationale Schulkontakte schließen. Das BeeBIT-Projekt wird durch das EU-Programm Erasmus+ finanziert und durch europafels e.V. koordiniert.
Vom 14. bis zum 20. April 2018 fand in Tramin (Südtirol) eine einwöchige Veranstaltung zu diesem Projekt statt. Die Themenpalette reichte dabei von der Datensicherheit, dem Umgang mit der Projektwebsite, den Einsatzmöglichkeiten des eHives im Informatikunterricht bis hin zu einer Exkursion zum Traminer eHive. Mein Beitrag zur Tagung bestand aus einem Vortrag zu Flipped Classroom und einem Workshop zur Erstellung von Erklärvideos.
Nach der Ankunft in Tramin am späten Samstagnachmittag verbrachten wir Teilnehmer den Abend bei landestypischem Essen in geselliger Runde. Am Sonntag lernten wir dann Land und Leute kennen, so wie es bei Erasmus+-Fortbildungen Usus ist. Vormittags erfuhren wir in einem Vortrag von Norbert Baur (europafels) sehr viel Interessantes über die Region Trentino-Südtirol / Trentino Alto Adige und das Schulwesen Südtirols. Am Nachmittag fand eine landeskundliche Exkursion mit historischen, geographischen und politischen Aspekten eines Grenz- und Übergangsraumes statt. Unter anderem besuchten wir die Sprachinsel Valle dei Mocheni / Fersental und ihr Museum. Danach fand ein Abendessen in typischer Umgebung statt.
Der Montagvormittag war dem Thema IT-Sicherheit gewidmet und ein Wirtschaftsinformatiker führte uns unter anderem in die Welt der Penetrationstests. Dies sind umfassende Sicherheitstests z.B. von Unternehmensnetzwerken, bei denen die beauftragte Firma möglichst viele Angriffsmuster potenzieller Hacker nachbildet, um die Empfindlichkeit des IT-Systems zu testen. Ist ein solcher Penetrationstest erfolgreich, so muss man dem auf (Software-)technischer Ebene begegnen. Doch oft ist der Mensch die Schwachstelle. Das herauszufinden ist die Aufgabe des sog. Social-Engineering-Penetrationstests, denn oft sind es die Mitarbeiter, über die Unbefugte Zugänge zu den Systemen oder sogar zu Daten erhalten. Dazu stellte uns der Referent die Methode "Der verlorenen USB-Stick" vor. Die Angreifer werfen einen infizierten USB-Stick mit der Aufschrift "Vorstandspräsentation" über den Werkszaun auf das Firmengelände, möglichst auf einen Fußweg. Der Finder liest die Aufschrift und denkt, dass der Stick von einem Kollegen z. B. auf dem Weg in die Kantine verloren wurde. Um den betreffenden Kollegen zu identifizieren wird der Stick dann an einen PC angeschlossen, um aus der gespeicherten Präsentation Rückschlüsse über deren Urheber zu ziehen. Doch der Stick enthält keine Präsentation, sondern z. B. einen Virus. Beliebt ist auch die Variante, dass infizierte USB-Sticks vor dem Firmengelände als "Werbegeschenke" verteilt werden. Penetrationstest gelungen, der Mensch ist die Schwachstelle, an der Schulungen und Aufklärungen anzusetzen haben.
Ich selbst durfte am Montagnachmittag einen Vortrag zu Flipped Classroom halten. Der ganze Dienstag war dann für die Erstellung und Postproduktion von eigenen Lehrvideos vorgesehen. Dazu erstellten die zehn Teilnehmer zunächst PowerPoint-Präsentation zu Lerninhalten ihrer Fächer, die sie anschließend mit der Screenrecordingfunktion von Camtasia aufnahmen und im nächsten Schritt schnitten und animierten. Nachdem das Video dann in mebis hochgeladen war, erstellten wir mit Hilfe von H5P noch interaktive Fragen zum Inhalt. Die Arbeit mit den für sie unbekannten Programmen fiel allen Teilnehmern recht leicht und sie hat ihnen auch sichtlich Freude gemacht. Die Ergebnisse nur weniger Stunden praktischer Arbeit können sich wirklich sehen lassen.
Während dieser Tagung hatten wir reichlich Gelegenheit, uns mit dem Wirtschaftsinformatiker zu unterhalten. Es ist ca. 40 Jahre alt und hat nach eigener Auskunft durch seine Arbeit in Unternehmen bislang ca. 500 Stellen abgebaut. Zum Wandel in der Arbeitswelt durch die Digitalisierung/Computerisierung und Robotisierung schilderte er eindrucksvolle Beispiele.
Schadensmeldungen an die Versicherungen werden nicht mehr in deren Zentrale oder gar in der Filiale vor Ort bearbeitet, sondern an ein Dienstleistungszentrum weitergeleitet, wo die Briefe automatisch geöffnet, entfaltet und eingescannt werden. Die intelligente Software gleicht die Adresse des Versicherungsnehmers mit der gespeicherten Versichertennummer ab. Tippfehler etwa bei der Versichertennummer werden mit Hilfe einer Plausibilitätsprüfung korrigiert.
Die Software ist dann in der Lage, den Inhalt des Briefes zu erfassen. So meldet der Versicherte z.B. eine Kollision mit einer Kuh. Der Computer gleicht nun die eingespeicherten Vertragsbedingungen ("übernehmen Schäden bei Wildunfällen") mit den gesetzlichen Bestimmungen ab ("Kuh ist kein jagdbares Tier") und kommt nun zum Ergebnis, dass der Schaden nicht ersetzt werden kann. Automatisch wird ein passendes Antwortschreiben an den Versicherungsnehmer verfasst, gedruckt, einkuvertiert und verschickt. Den Beruf des Versicherungsfachangestellten wird es nach Ansicht des Wirtschaftsinformatikers bald nicht mehr geben.
Beispiel Paketbote: Mittlerweile plant nicht mehr der Paketbote selbst, ob er eine bestimmte Ware noch zustellen kann. Der Computer weiß, wo der Fahrer gerade ist und wo die nächste Lieferung zugestellt werden muss. Aufgrund von gespeicherten Erfahrungswerten ("Jetzt ist Freitagnachmittag und es regnet. Die Strecke wird Dich über die Autobahn führen, wo es bei dieser Witterung aller Wahrscheinlichkeit nach einen oder mehrere unfallbedingte Staus geben wird. Der Zeitverlust wird dazu führen, dass Du das Paket nicht mehr rechtzeitig zustellen kannst. Für heute ist Feierabend!") bestimmt der Computeralgorithmus die Arbeit und die Arbeitszeiten des Fahrers.
Beispiel Baggerführer. Der Wirtschaftsinformatiker schilderte seine Erlebnisse von einer Baumaschinenmesse. Er sollte im Führerhäuschen eines Baggers Platz nehmen und eine Baugrube ausheben. Da er das nicht gelernt hatte, protestierte er eine Zeit lang, gab dann aber nach. Worin bestand nun die Aufgabe des Baggerführers? Da die Maschine von dem Ausheben der Baugrube mit den genauen Plandaten gespeist worden war und sie die geographischen Informationen über GPS erhielt, benötigte es keines menschlichen Baggerführers mehr, um die Grube auszuheben. Das erledigte der Bagger von ganz allein, "und zwar auf den Zentimeter genau". Der Wirtschaftsinformatiker hatte einzig die Aufgabe, den roten Aus-Knopf zu drücken, wenn die Maschine unerwartetes tun sollte. Einmal hatte der Mann probiert, mit Hilfe des Steuerknüppels die Maschine über die korrekten Maße der Baugrube hinausdrehen zu lassen - ohne Erfolg. Das System blockierte, korrigierte ihn, den Menschen.
Der Fachmann betonte immer wieder: "Deine Ausbildung bestimmt, ob Du später Dein Jahresgehalt selbst bestimmen kannst oder ob Du einen Dreck verdienst. Ob Du irrwitzige Vorstellungen über Deinen Dienstwagen äußern darfst (und sie Dir auch erfüllt werden) oder ob Du mit dem Bus in die Arbeit fahren wirst." Natürlich, es gibt auch andere, wichtigere Ziele im Leben zu erreichen, nicht nur das pralle Konto oder der dicke Firmenwagen. Aber ziemlich betreten stellten wir dem Wirtschaftsinformatiker die Frage, welche Perspektiven unsere Schüler (besonders Mittelschüler) heute noch hätten. Was sollen oder können die denn noch lernen? Der Dozent riet zum Handwerk, aber nicht zum industriellen Handwerk. Zu sehr wird hier rationalisiert, automatisiert. Zukunftsfähiger seien für ihn Berufe wie Fliesenleger oder Schreiner, wo es nicht um Massenproduktion geht, sondern eher individuell und in kleinen "Losgrößen" gearbeitet wird.
Ich musste Tramin leider bereits am Dienstag nach meinem Workshop verlassen. Auf der Heimreise und in den Tagen danach drehten sich meine Gedanken immer wieder um die Einschätzung des Wirtschaftsinformatikers und ich stellte mir die entscheidende Frage: Was sollen und müssen wir unseren Schülern heute beibringen, damit sie auch noch in 10 Jahren einen Beruf haben, der abwechslungsreich ist, ihnen Freude bereitet und ein gutes Einkommen ermöglicht?
Das Fachwissen kann es nicht mehr lange sein. Der Informatiker sagte, dass sie bei ihrer Arbeit das Wissen aus den Mitarbeitern "heraussaugen, um es in einen Algorithmus zu packen", der die Mitarbeiter dann überflüssig/arbeitslos macht. Die Digitalisierung erreicht bereits heute die Berufe der Mittelschicht, zunehmend vom Jobverlust betroffen sind auch Akademiker. Der "Wald- und Wiesenanwalt" ist für ihn kein Beruf mit Zukunft. "Ein Gesetz ist ganz logisch aufgebaut: Wenn diese Bedingungen gegeben sind, tritt jene Folge ein! Das kann ich auch in einem Algorithmus abbilden!" Müssen unsere Schüler wirklich noch buchen, die optimalen Bestellmengen berechnen oder einen Angebotspreis kalkulieren können? Klar, wer in einem bestimmten Bereich arbeitet, der sollte immer eine grundlegende Kenntnis der Zusammenhänge haben, doch Experten für die Berechnungen im Kostenträgerzeitblatt braucht es in Zukunft nicht mehr zu geben. Per Knopfdruck erstellt der Computer dieses komplexe Zahlendokument, die erforderlichen Daten holt er sich automatisch aus den jeweiligen Programmen. Was es aber wohl weiterhin bedarf ist der Mensch, der die Ergebnisse auswertet und daraus die richtigen Konsequenzen zieht.
Wie sieht es mit den sozialen Berufen aus? Pflege- und Serviceroboter werden seit längerem eingesetzt und auch wenn meine Schüler heute die Hände überm Kopf zusammenschlagen ("Das werden wir nie wollen!") denke ich, dass unsere Schüler, wenn sie in ca. 60 Jahren evtl. in Pflegeheimen wohnen, daran gewöhnt sein werden. Schließlich kommunizieren sie bereits heute mit (und über) technische Geräte aller Art. Sie unterhalten sich mit ihren Freunden asynchron über WhatsApp oder geben Alexa und Siri Anweisungen, dieses oder jenes Lied zu spielen oder das Licht auszuschalten. Auch im Operationssaal übernehmen Roboter schon die Arbeit der Chirurgen: Der Roboter bedient die Instrumente, der Chirurg greift bloß noch bei Abweichungen und Störungen ein.
Klar, der Wirtschaftsinformatiker hat möglicherweise etwas drastisch formuliert und vielleicht auch nur seine eigenen persönlichen Einschätzungen kundgetan, die von anderen Fachleuten ganz anders bewertet werden. Trotzdem bleibt die Frage nach den Kompetenzen, die unsere Schüler heute erwerben müssen, um in nicht allzu ferner Zukunft auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Modelle darüber gibt es bestimmt zuhauf, doch das 4K-Modell erscheint mir besonders empfehlenswert. Die vier "Ks" (engl. 4Cs) stehen für Kritisches Denken, Kommunikation, Kollaboration und Kreativität.
Mit diesen Kompetenzen (wohlgemerkt: Wissen ist keine Kompetenz!) ausgestattet, sollte es den Schülern möglich sein, die beruflichen Herausforderungen zu meistern, da diese "4Ks" auf absehbare Zeit nicht von Computeralgorithmen übernommen werden können. Und der geflippte Unterricht - unbedingt angereichert mit digitalen Elementen - ist hervorragend geeignet, die 4K-Kompetenzen zu stärken, da die knappe Unterrichtszeit nicht mehr zur Vermittlung von Wissen verwendet wird, sondern für die 4-K-basierte Interaktion der Schüler genutzt werden kann.

Tramin

Andreas Ott, OStR

   
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok Ablehnen