Hörspielschulaufgabe, die Zweite

Bild1Die letzten Sägespäne waren gerade weggesaugt, das Silikon in der Fensterfuge kaum abgetrocknet, die Rechnungen noch nicht beglichen, da scharten sich die Nachwuchstalente aus der BW13 auch schon Punkt 8 Uhr morgens um die zwei empfindlichen Großmembranmikrophone, strumpfsockig, um ja keine Störgeräusche auf der Audioaufnahme zu hinterlassen. Lampenfieber lässt gewöhnlich Laien mit den Füßen scharen. Die Nervosität war in diesem Jahr einmal mehr der Prüfungssituation des Hörspielprojektes (Schulaufgabe!) geschuldet, wohl aber insbesondere dem Umstand, dass die Aufnahmen am Produktionstag heuer mit erstklassigem Equipment gemacht werden konnten - in der maßgefertigten schalldichten Hörspielkabine. Mit Sichtfenster, über das die Sprecher mit der Regie in (Blick)kontakt sind und der Aufnahmeleitung ihre Arbeit an PC und Mischpult enorm erleichtert.

Studiobau – Teamarbeit just in Time!
Einen Plan B, für den Fall, dass Handwerker und sonstiges involviertes Fachpersonal nicht rechtzeitig fertig geworden wären, gab es, ehrlich gesagt, nicht. Aber mit gutem Zeitmanagement und subtiler Motivation reicht auch ein Plan A! Zwischen Fertigstellung des Studios und erstem Take am frühen Morgen lagen immerhin 12 Stunden. Das Handwerkerteam um Schreiner Schreck baute die Hörspielkabine, die Heinzlfrauen und -männer um Hausmeister Eder versahen die Studiowände mit blümeligen Stoffen aus dem 70er Jahre-Fundus unserer Sekretärin (Danke, Frau Kronawitter!) für eine trockene Akustik, und Herr Bumes motzte den Studio-PC auf. Teamarbeit! Gemeinsam mit meinen bewährten Hörspiel-Experten Marius Wilnat und Lukas Schenk installierte ich die Produktionssoftware und brachte die Aufnahmehardware zum Laufen. Ein tolles Beispiel für gelungene Teamarbeit mit dem Ergebnis, dass das schuleigene Aufnahmestudio nur wenige Minuten vor der Aufnahmepremiere fertiggestellt werden konnte. Die Aufnahmepremiere war zugleich der Schulaufgabentermin.

Die Aufgabe und Vorbereitung
Im Klartext: Die fünf Schülergruppen mussten innerhalb einer Woche (ca. 9 Schulstunden und zusätzliche Freizeit) je eine maximal 8 minütige dramatische Szene auf einer episch-literarischen Grundlage entwickeln. Wir hatten uns dazu ein hartes Stück Literatur vorgeknöpft: „Der Untertan“ von Heinrich Mann; über mehrere Wochen wurde über intensives Arbeiten am und mit dem Romantext, sowie Referate das Verständnis grundgelegt für die Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs um 1900, dem dominanten Zeitgeist und seinem repräsentativen Typus, den Heinrich Mann in der Figur des Diederich Heßling wenig sympathisch zu fassen wusste.

Hörspielszenen als kreative Weiterentwicklung des Romans
Mit Figurenanlage und Handlungsverlauf der Textgrundlage durfte bei der Gestaltung der Szene natürlich nicht gebrochen werden. Jedoch konnten die Schüler keineswegs auf bereits vorhandene szenische Darstellungen im Roman zurückgreifen! Bei Projektbeginn waren die Schüler mit kurzen inhaltlichen Beschreibungen der Szenen von mir versorgt worden. Dabei griff ich auf „Leerstellen“ oder erzählerisch kaum ausgestaltete Handlungsabschnitte des Romans zurück. Die entwickelten Szenen sind also keine reine Adaption des Romans an die Kunstgattung Hörspiel! Sie alle sind originär Schülerhirnen „entsprungen“ und stellen ein kreatives Weiterspinnen des Werkes von Heinrich Mann dar.
Sobald das Manuskript stand, ging es ans Proben und Einstudieren der Rollen. Erst im Spiel zeigt es sich, ob der Text den zentralen Konflikt temporeich und spannend entfaltet - und ob der Sprachduktus für den mündlichen Schlagabtausch (vorm Mikro) taugt. Dann schließlich ging es mit der „mundgerechten“ Letzt-Fassung des Manuskriptes, nach einer Generalprobe am Vortag im Beisein der Regie, ans Aufnehmen im Studio. Die Takes mussten dann von den Schülern außerhalb der Unterrichtszeit zu einem stimmigen, dramaturgisch ansprechenden Hör“bild“ ausproduziert werden.
Den Schülern, fast allesamt alte Hörspiel-Hasen aus dem Vorjahr, waren die wesentlichen Arbeitsschritte noch geläufig, so dass ich es wagte heuer noch eine Schippe drauf zu legen: Mehr noch als im letzten Jahr stand die stimmlich-schauspielerische Umsetzung von geskripteter Rolle und Handlung im Fokus der Regie. Einschlägige Übungen zur Stimmbildung und schauspielerischer Performance sollten im Vorfeld der Projektwoche dazu dienen Verspannungen des Stimmapparates und Hemmungen geistig-emotionaler Natur im Vorfeld der Premiere abzubauen. Ein heikles, schwieriges Unterfangen, denn es ist für jeden Menschen immer ein Stück Selbstpreisgabe damit verbunden, die eigene Stimme tönen und den Körper sprechen zu lassen, zumal wenn man auch noch dabei in eine oder gar mehrere fremde Rollen schlüpfen soll. Ich finde: Das stimmlich-schauspielerische Upgrading im Vergleich zu letztem Jahr ist aber zweifellos jedem Sprecher und jeder Sprecherin gelungen!

Die literarische Grundlage: „Der Untertan“ von Heinrich Mann
Darum geht’s: Diederich Heßling, Sohn eines kleinen Papierfabrikanten im fiktiven Städtchen Netzig wird um 1890 nach Berlin zum Studieren geschickt. Dort wird aus dem hasenherzigen, weichen Kind über die recht einseitige Sozialisation durch eine schlagende Burschenschaft und Militär ein sich stets nach der Macht richtender Ehrgeizling, dessen Handeln sich durch ein zentrales Prinzip auszeichnet: Nach oben buckeln, nach unten treten. Oben sind in der gezeichneten Wilhelminischen Gesellschaft vor allem die Offiziere des Militärs, die (besitzende) Aristokratie, das immer mehr Kapital anhäufende Unternehmertum, unten sind die (freilich aufstrebende und sich organisierende) Arbeiterschaft, Juden, Frauen, Kleinbürger, Künstler.
Als glühender Kaiserverehrer und Epigone Wilhelms II kehrt Heßling in seine Heimatstadt zurück, übernimmt die väterliche Fabrik und beginnt mit Hilfe der „Partei des Kaisers“, deren schlankes Programm aus der Huldigung des Kaisers und Verteidigung seines Kurses besteht, den bis dahin linksliberalen Ort mit seiner führenden Partei namens „Der Freisinn“ zu einer kaisertreuen Hochburg umzukrempeln.
Mit Manns Klassiker als literarischer Grundlage entwickelten die Schüler der BW 13 nun folgende Hörspielszenen, die die Geschichte um Diederich Heßling und die Netziger stimmig erweitern oder ergänzen.

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Bittere Medizin für den Wahlkampfgeschädigten Diederich Heßling

Szene „Heuteufels Sprechstunde“ [Audiodatei "Heuteufels Sprechstunde" anhören]

Beim Wahlkampf verausgabt sich der ehrgeizige Lokalpolitiker auf den Wahlkampfveranstaltungen im Wirtshaus regelmäßig stimmlich derart, dass er sich von seinem Hausarzt, dem Liberalen Doktor Heu-teufel behandeln lassen muss. Noch auf dem Behandlungsstuhl versucht der heisere Heßling gegen seinen politischen Gegner zu agitieren. Der aber hat als Arzt zur Gegenwehr besondere Mittel und Instrumente an der Hand.

Szene „Grand Hotel Zürich“ [Audiodatei "Grand Hotel Zürich" anhören]

Mit Fleiß und unternehmerischem Geschick ist es bei Diederich Heßling nicht weit her und dass seine Firma nicht längst pleitegegangen ist, hat Heßling vor allem der Heirat mit der reichen Erbin Guste Daimchen zu verdanken, über deren Kapital fortan - wie damals üblich - allein der Ehemann verfügen kann. Ihre Hochzeitsreise führt das Paar nach Zürich ins mondäne Grand Hotel. Die komödiantische Szene „Grand Hotel Zürich“ zeigt den Zuhörern auf sehr unterhaltsame Weise, wie sich die Heßlings ordentlich bei dem internationalen Publikum unbeliebt machen. Personal wie Gäste rümpfen die Nase über den
säbelrasselnd-selbstbewussten Deutschen und seine Frau, die zwar über Geld, aber über keine Manie-ren, vornehme Zurückhaltung und Gewandtheit im Auftreten verfügen.

Szene „Eine harte Zeit!“ [Audiodatei "Eine harte Zeit" anhören]

Auch und gerade in seiner Fabrik würde Heßling gerne den kaiserlich-autoritären Führungsstil Wilhelms II pflegen. Die lästigen Rendite schmälernden Arbeiterrechte, die seit Kurzem im Kaiserreich gelten, hält er für sozialdemokratischen Mumpitz. Als eine Kinderarbeiterin an den ungesicherten Maschinen verun-glückt, hat er auf seine Art Vorsorge getroffen. Mit seinem Maschinenmeister, dem nicht weniger ehr-geizigen und korrumpierbaren Sozialistenführer und Reichstagskandidaten Napoleon Fischer, hat er einen schmutzigen Deal getroffen, der dem herbeigerufenen Doktor Heuteufel jedoch nicht verborgen bleibt.

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Der Karrierist und Sozialistenführer Fischer (passend in Rot) im Disput mit Doktor Heuteufel

Szene „Schmierenkomödie“ [Audiodatei "Schmierenkomödie" anhören]

Über seine Seilschaften, durch raffiniertes Ränkeschmieden, Intrigen und Verrat kann Diederich auch schließlich seinen langjährigen Förderer, den führenden liberal gesinnten Patriarchen der Stadt, den alten Buck, politisch wie wirtschaftlich zugrunde richten. Bucks gemeinnütziges Projekt, auf kommunale Kosten ein Säuglingsheim zu bauen, wird aufgegeben, um stattdessen auf die Initiative des neu gewählten Stadtrats Heßling ein kolossal überdimensioniertes Kaiserdenkmal zu finanzieren, für dessen Bau sich Netzig ebenso kolossal verschuldet. Nur dumm für Diederich, dass die vielen Handwerker nach immer neuen Aufträgen an dem Bau gieren, als Gegenleistung dafür, dass sie bei der Reichstagswahl an der von Heßling gewünschten Stelle ihr Kreuz gesetzt haben. Glänzend zeigt die Szene „Schmierenkomödie“, wie es Politiker wie Diederich Heßling zu allen Zeiten verstanden haben, ihre nicht immer redlich erworbenen politischen Ämter wunderbar geschmeidig für ihre Privatinteressen zu nutzen.

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Hitzige Debatten im Wirtshaus: „He! Heßling! Was ist mit unseren Aufträgen?!

Szene „Emmis Affäre“ [Audiodatei "Emmis Affaire" anhören]

Wessen Gedanken aber nur um Macht, Ehre und öffentlichen Ruhm kreisen, der hat mit Opfern im Privaten zu rechnen. Die Opfer erbringen in dieser im Innersten erbarmungslosen Gesellschaft meist die Frauen. Ihnen bleibt nur der Einsatz ihres Charmes und körperlichen Liebreizes, um an der Seite eines standesmäßig und finanziell potenten Ehemannes zu gesellschaftlicher Stellung zu gelangen. Aber wehe sie verlieren vor der Eheschließung ihren Reiz und werden fallen gelassen, wie es Diederichs Schwes-ter Emmi mit ihrem Leutnant von Brietzen ergeht!

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„Eine Schande ist sie für die ganze Familie.“ - Emmi im Kreise ihrer Quälgeister

Die Szene „Emmis Affäre“ vermittelt dem Zuhörer glaubhaft und anrührend den inneren Konflikt der jungen Frau, die um eine Haltung zu dem ihr Widerfahrenen ringt.
Ganz herzlichen Dank von Seiten der Regie an die Schülerinnen und Schüler der BW13 für ihre Experimentier – und Spielfreude! Neugierig geworden? Dann hören Sie rein!

   
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