Hörspiel-AG besucht Auswanderer-Museum in Schiefweg

„Hüa mei Ochsl hüa...!“, schallt es aus dem Lautsprecher hinter Thomas Lermer. Der stemmt sich mit vollen Kräften in einen primitiven Pflug, mit dessen Hilfe in den steinigen, wenig fruchtbaren Boden des Bayrischen Waldes Furchen gezogen wurden - für robuste Getreidesorten wie Hafer und Roggen oder das anspruchslose Knollengewächs, die Erdäpfel. Mit deren Anbau fanden seit Mitte des 18.Jahrhunderts zumindest die ärgsten Hungerkatastrophen im Bayerwald ihr Ende. „36 km hatte ein Bauer zurückzulegen, um 1 Hektar Land (100m x 100m) zu beackern. 36 Kilometer Knochenarbeit, während der man auch noch die mürrischen Ochsen antreiben musste“, erzählt uns Karl Filsinger, der Vorsitzende des Emerenz-Meier-Vereins. Er ist zugleich der Kurator des kleinen, aber sehr empfehlenswerten Auswanderermuseums in Schiefweg bei Waldkirchen.
Einige Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Hörspiel-AG hatten am Freitag Abend dem Geburtshaus der Bayerwald-Dichterin Emerenz Meier, das das Museum beherbergt, einen Recherchebesuch abgestattet. Wie bereits angekündigt, begibt sich unser Team dieses Jahr und auch die nächsten beiden folgenden auf große Fahrt nach Übersee. „Amerika! - I war im Woid dahoam“ heißt die Familientrilogie, in der wir die Geschichte dreier Auswanderergenerationen erzählen wollen.
Rund 4 Millionen Deutsche brechen in einem Zeitraum zwischen 1820 und 1920 allein von Bremerhaven oder Hamburg aus per Schiff in die vielversprechende und zugleich ungewisse Zukunft nach Nordamerika auf.
Der Freizügigkeitsvertrag zwischen dem Königreich Bayern und Nordamerika zieht ab 1845 auch unzählige Emigranten aus dem Bayerischen Wald hinüber in die Neue Welt. Das raue Klima und die ungünstige Topographie der Siedlungsgebiete in 800 bis 1000 Metern Höhe lassen für die Waidler hier nur sehr bescheidene Erträge in der Landwirtschaft zu. Außerdem wächst die Bevölkerung in der unwirtlichen Region im 19. Jahrhundert stärker an als andernorts in Bayern. Der Rückgang der Einkommen sowie der rasante Anstieg der Teuerungsrate tragen ihr Übriges zur Verschlechterung der hiesigen Lebensumstände bei.
Um der Trostlosigkeit zu entkommen, bleibt oftmals nur die Emigration. Aber nicht nur um der topographisch oder wirtschaftlich bedingten Mangelsituation zu entgehen, kehren die Bayerwäldler ihrer Heimat den Rücken. Häufiger als man vielleicht annehmen würde, ist Angst vor Strafverfolgung ein Motiv für die Auswanderung - die freilich dann nur mehr illegal erfolgen kann.
Im Falle der Magd Anna Dirndorfer aus der Heinrichsbrunner Reuthen ist es der Verbrechensverdacht auf Kindstötung, der die junge Frau Ende des 19. Jahrhunderts zur Flucht aus ihrer Heimat zwingt. Ihr bruchstückhaft dokumentiertes Schicksal bildet den spannenden historisch verbürgten Ausgangspunkt unserer Geschichte. Die Story wird die harte Situation der Dienstbotinnen genauso beleuchten wie die ungewollte, als schändlich gegeißelte uneheliche Schwangerschaft. Im Fokus stehen soll aber vor allem die Odyssee der (illegalen) Emigranten zu den Auswanderungshäfen, von wo aus sie die Dampfer Richtung New York besteigen. Dort hatten die Waidler wie alle anderen Einwanderungswilligen mit den ab 1893 auf Elis Island installierten Kontrollbehörden die letzte Hürde in die Neue Welt zu nehmen. „Für Illegale war die Übersiedlung in die Staaten natürlich risikoreicher, aber keineswegs unmöglich. Entscheidend war damals wie heute das Geld. Wer genügend davon hatte, konnte sich bereits in Freyung z.B. bei der Agentur Georg Ernstberger Fahrkarten kaufen – sogar für die Eisenbahnfahrt nach Chicago, auch unter der Hand.“ Karl Filsingers Worte hallen noch in uns nach, als wir hinunter ins Erdgeschoss des Emerenz-Meier-Hauses steigen. Bratenduft schlägt uns aus der Wirtshausküche entgegen und in der urigen, wohlig warmen Bauernstube des Gasthauses gewinnt das Leben im Bayrischen Wald in unseren Augen wieder merklich an Attraktivität.
Nach fast zwei Stunden in den ungeheizten Museumsräumlichkeiten haben wir uns wahrhaft ausreichend hineingefühlt in die grimmige Winterkälte des Landstriches, wo der Böhmwind dauernd durch die Ritzen pfiff.
Es leuchtet uns jetzt ohne Weiteres ein, dass Klima-Ungunst ein nicht unwesentlicher Push-Faktor war für die Emigration aus‘m Woid hinüber „ins Amerika“.

Julia Gais

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