B 11 setzt in einem Hörspiel-Projekt das Verbrechen in Szene

 Xaver Wald
Drückt Xaver ab, um die dunklen Geheimnisse des Waldes zu hüten?

Die dumpfen Schläge des Vorschlaghammers hallen durch den Leybachwald. Die Forststudentin Anja Grimm drischt Bohrstäbe in den Boden. Irgendetwas stimmt hier nicht...Die Horizonte sind genau verkehrt herum geschichtet. Der Boden steht Kopf. Wurde hier gegraben, hat man hier etwas verscharrt? Vielleicht sogar ihren verschollenen Vater? Weiter kommt Anja nicht in ihren Analysen. Xaver Leybach tritt aus dem Dickicht hervor und zielt mit einem Gewehr auf sie, denn „da Vata hat‘s verboten!“, dass man die dunklen Geheimnisse des Waldes lüftet.
Projektverlauf und -vorbereitung
Wie die Hauptfigur Anja Grimm aus dem Roman „Schweigend steht der Wald“ sind die Schülerinnen und Schüler der Klasse B 11 dem Verbrechen auf der Spur - als Leser und Interpreten des Romans von Wolfram Fleischhauer. Der intelligente Roman, in dem der Wald zum Tatort und Pflanzenkundler zu operativen Fallanalytikern werden, bot eine Fundgrube hörspieltauglichen Materials. Meine vier Schülergruppen mussten innerhalb einer Woche (ca. 9 Schulstunden und zusätzliche Freizeit) je eine 6minütige dramatische Szene auf der episch-literarischen Grundlage entwickeln. Mit Figuren und Handlungsverlauf der Textgrundlage durfte bei der Gestaltung der Szene natürlich nicht gebrochen werden. Jedoch konnten die Schüler keineswegs auf bereits vorhandene szenische Darstellungen im Roman zurückgreifen! Bei Projektbeginn waren die Schüler mit kurzen inhaltlichen Beschreibungen der Szenen von mir versorgt worden. Dabei griff ich auf „Leerstellen“ oder kaum ausgestaltete Handlungsabschnitte des Romans zurück. Die entwickelten Szenen sind also keine reine Adaption des Romans an die Kunstgattung Hörspiel! Sie alle sind originär Schülerhirnen „entsprungen“ und stellen ein kreatives Weiterspinnen des Werkes von Wolfram Fleischhauer dar.
Sobald das Manuskript stand, ging es ans Proben und Einstudieren der Rollen. Erst im Spiel zeigt es sich, ob der Text den zentralen (inneren) Konflikt temporeich und spannend entfaltet - und ob der Sprachduktus für die mündliche Performance (vorm Mikro) taugt. Dann schließlich ging es mit der „mundgerechten“ Letzt-Fassung des Manuskriptes, nach einer Generalprobe am Vortag im Beisein der Regie, ans Aufnehmen im Studio. Die Takes wurden in eine eingerichtete Cloud hochgeladen, von wo aus die Schüler die Daten zuhause downloaden konnten, um dann die Sprechertexte mit passender Atmo und gegebenenfalls Musik zu einem stimmigen, dramaturgisch ansprechenden Hör“bild“ auszuproduzieren.
Den Schülern waren die wesentlichen Arbeitsschritte nach einem Probelauf eine Woche zuvor, wo „freie Szenen“ entwickelt werden durften, geläufig. Mehr noch als in den vorangegangenen Jahren stand die stimmlich-schauspielerische Umsetzung von geskripteter Rolle und Handlung im Fokus der Regie. Einschlägige Übungen zur Stimmbildung und schauspielerischer Performance unter der Leitung des Sängers und Stimmtrainers Peter Tilch sollten im Vorfeld der Projektwoche dazu dienen, Verspannungen des Stimmapparates und Hemmungen geistig-emotionaler Natur im Vorfeld der Premiere abzubauen. Die Ergebnisse können sich hören lassen!
Die literarische Grundlage
Damit auch die Hörer und Hörerinnen den produzierten Audio-Szenen inhaltlich folgen können, soll der Handlungsrahmen der jeweiligen Szenen kurz vorgestellt werden. Worum geht es also?
Die Forststudentin Anja Grimm hat als Kind zusammen mit ihren Eltern zwei Sommer lang die Ferien auf dem Leybachhof in der Oberpfalz verbracht. Damals war ihr Vater von einem Waldspaziergang nicht mehr zurückgekehrt und ist seither - vermeintlich spurlos - verschwunden. Mutter wie Tochter leiden bis heute unter diesem ungeklärten Verlust des Vaters bzw. Ehemannes. Um diesem Kindheitstrauma auf den Grund zu gehen, bewirbt sich Anja für ein Forstpraktikum ausgerechnet in der Oberpfalz, wo sie schon bald auch im Leybachwald eingesetzt wird, um Bodenproben zu entnehmen. Daran wird sie jedoch von Xaver, dem geistig zurückgebliebenen Sohn der Leybachs, gehindert. Der folgt nämlich einem elterlichen Auftrag, den Wald und seine Geheimnisse unter allen Umständen zu hüten. Die Probenentnahme im Wald seiner Eltern versetzen den Sonderling in Panik und öffnen bei ihm eine Pforte in die Vergangenheit, zu seinem Kindheitstrauma. Am Kriegsende wurde er als kleiner Junge von seiner Mutter Anna Leybach gezwungen mitanzusehen, wie KZ-Flüchtlinge ermordet und im Leybachwald verscharrt wurden. Drückt Xaver ab, um dem elterlichen Auftrag gerecht zu werden?

(Hören Sie „Da Vata hat‘s verboten!“)

Die Szene „Brennnessel und Spatenstich“ blendet zurück in die Siebziger, wo sich Anjas Eltern zusammen mit ihrer Tochter als Feriengäste auf dem Leybachhof einquartiert haben, nichtahnend, dass es sich bei ihrer Gastgeberin Anna Leybach um eine ehemalige KZ-Aufseherin und Kriegsverbrecherin handelt. Die unverhohlen geäußerten Anschauungen der beiden Hippie-Lehrer aus der Stadt, dass die bayrische Bevölkerung noch immer gut braun in der Wolle gefärbt sei, machen sie bei ihrer Gastgeberin als linkes Gesindel ohnehin schon verdächtig. Dass der Biologielehrer aber auch noch durch seine Fähigkeit, den Wald und seine Geschichte lesen zu können, einem NS-Verbrechen auf die Spur zu kommen droht, das zwingt die Hausherrin zu handeln.

(Hören Sie „Brennnessel und Spatenstich“)

Anna BrennnesselKurzen Prozess macht Anna Leybach mit dem neugierigen Hippie-Lehrer in „Brennnessel und Spatenstich.“

Die Kriegsverbrecherin Anna Leybach ist inzwischen von ihrem eigenen Sohn Xaver gerichtet worden, auffälligerweise mit der gleichen Tatwaffe, mit der auch der Lehrer Grimm ermordet worden ist, einem Spaten. Xaver selbst hat sich nach der Sühneaktion an seiner Mutter im Leybachwald erhängt. Traudl Gollas, Xavers jüngere Schwester, hat nun zwei Familienangehörige zu beerdigen. Ihr innerer Monolog am Friedhof zeigt, wie schwer es der Nachkriegsgeneration fällt, die Schuld ihrer Vorfahren anzuerkennen und mit ihr umzugehen. Der Verstrickung eigener engster Familienangehöriger in brutalste Verbrechen kann Traudl Gollas nur mit Verdrängung, Verschweigen und der Suche nach Sündenböcken begegnen. So zielt ihr Zorn auf dem Friedhof weder auf die tote Anna Leybach, die ihr und Xaver ein Leben lang eine kalte Mutter war, noch auf die noch lebenden Mittäter und Mitwisser um die Naziverbrechen, sondern auf die „Aufklärerin“ Anja Grimm: Sie sei schließlich schuld daran, dass Xaver durchgedreht sei. Sie habe mit ihren Nachforschungen um den verschwundenen Vater die Gespenster der Vergangenheit erst wieder lebendig werden lassen.

(Hören Sie „S‘Gredt von die Leut“)

Traudl Gollas„Ohne deine Schnüffeleien wäre das alles nicht passiert“, sagen die Augen von Traudl Gollas.

Auch der junge Historiker Skrowka, Leiter der Gedenkstätte des ehemaligen KZs Flossenbürg, muss erfahren, dass sein Einsatz zur Aufarbeitung der NS-Geschichte und das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus bei Teilen der Bevölkerung auf Unverständnis, Hohn, ja auf blanken Hass stößt.

VolksverraeterHass hat auch gegenwärtig Hochkonjunktur, muss Historiker Oliver Skrowka in der Szene „Volksverräter“ erfahren.

Manchmal aber schöpft er wieder Hoffnung und wird in seinem aufklärerischen Tun bestärkt, etwa wenn sich Menschen wie Frau Altmann an ihn wenden, die als Zeitzeugen der Nachwelt erzählen wollen, was sie an Terror im Dritten Reich erleben und mitansehen mussten.

(Hören Sie „Volksverräter“)

Herzlichen Dank an die ungemein spielfreudigen, engagierten Schülerinnen und Schüler der Klasse B 11. Selbst beim abschließenden Fotoshooting an verschiedenen „Tatorten“ stach der Wille zu gewissenhafter Inszenierung mit Liebe zum Detail ins Auge. Und selbst schräge Blicke von irritierten Spaziergängern auf die martialisch ausstaffierte Schauspieltruppe wurden in Kauf genommen. 

Gruppenbild

Julia Gais

 

 

   
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