Der Themenbereich der Beteiligungsfinanzierung gehörte noch nie zu den Lieblingskapiteln der Schülerinnen und Schüler.Zu sehr ist es geprägt von abstrakten, teilweise ähnlich klingenden Fachbegriffen wie z. B. gezeichnetes Kapital, Nennwert, Kurswert, Agio, Gewinnrücklage oder Kapitalrücklage.

Der neue Lehrplan in Sozialwirtschaft und Recht (SWR) der Berufsoberschule 12 sieht eben diese Beteiligungsfinanzierung im Lernbereich 2 "Liquide Mittel für ein soziales Unternehmen beschaffen" vor. Natürlich wird dieses Thema im Sozialzweig "didaktisch reduziert" vermittelt, doch zwei Gründe haben mich bewogen, das Thema trotzdem etwas bewusster zu betrachten: Studien zeigen immer wieder, dass die finanzielle Grundbildung der jungen Leute nicht besonders gut ist. Daraus resultiert natürlich, dass sich die Schülerinnen und Schüler den Themen "Altersvorsorge" oder gar "Vermögensaufbau" nicht angemessen widmen können.Tesla1

Um die Beteiligungsfinanzierung anschaulich zu vermitteln, wechselten wir von der Unternehmensseite die Perspektive hin zu den privaten Haushalten: wir betrachteten also auch das Investment in Aktien. Jeder Schülerin und jedem Schüler legte ich ein Musterdepot mit 10.000 Euro Startkapital ein. 20 Minuten überlegten sich die Schülerinnen und Schüler, in welche Firmen sie wieviel dieses Kapitals investieren wollten. Dazu recherchierten sie, welche Unternehmen überhaupt Aktiengesellschaften sind und wie hoch die Aktienkurse aktuell waren, um dann zu entscheiden, wie viele Aktien dieses Unternehmens sie kaufen wollten.

Naturgemäß wollten die Schülerinnen und Schüler vor allem in ihnen bekannte Firmen investieren: Schüler M. investierte in Bayer, Adidas und Amazon. Schülerin R. legte ihr Geld in Tesla und Netflix an. Schülerin A. kaufte Netflix, Amazon und Adidas.

Der Einfachheit halber wählten wir die buy-and-hold-Strategie. Sprich: Die Schülerinnen und Schüler kauften Aktien, um sie langfristig im Depot zu halten (hier bis zum Ende des Schuljahres), was ja auch Zweck einer Unternehmensbeteiligung ist. Zu Beginn jeder Unterrichtsstunde warfen wir dann einen kurzen Blick in die Depots der Schülerinnen und Schüler, die nun nicht mehr nur virtuell finanziell, sondern auch "emotional" an ihren Firmen beteiligt waren.

Tesla2Wir recherchierten zudem Gründe für die Beteiligungen an Unternehmen: Dafür spricht zunächst einmal die jährliche Gewinnbeteiligung in Form der Dividende. Und zum anderen - sehr viel wichtiger - die Erwartung von Kurssteigerungen.

Die Schulschließungen beendeten am 13. März 2020 zwar den Unterricht, nicht aber das Aktieninvestment. Natürlich brachen die Aktienkurse sämtlicher Unternehmen Mitte Februar bis Mitte März massiv ein.

Schülerin R. hatte ein gutes Händchen. Sie investierte Mitte Dezember 2019 ca. 7.000 der 10.000 Euro in Tesla. Natürlich hatte sie damit in eklatanter Weise das Prinzip der Risikostreuung verletzt, welches fordert: "Lege nicht alle Eier in einen Korb!" oder "Setze nicht alles auf dasselbe Pferd!". Aber diese Erkenntnis wäre bestimmt in ihr gereift, wenn sie mit Tesla (große) Verluste realisiert hätte.

Aber R. hatte Glück (oder ein gutes Gespür): Bis Anfang Februar stiegen die Tesla-Aktien von 350 Euro bis auf ca. 850 Euro. Somit hatte R. in der Spitze ihr Depot von 10.000 auf mehr als 20.000 Euro gesteigert. Und sie bedauerte zutiefst, nicht mit echtem Geld eingestiegen zu sein. Infolge der Corona-Krise sank der Aktienkurs von Tesla zwischenzeitlich aber bis auf 320 Euro.

Doch wie sieht es heute (11.05.2020) aus?

Schülerin A. (Netflix, Amazon und Adidas) hat bis heute eine Gesamtperformance von 30 %. Schüler M. (Bayer, Adidas und Amazon) hat aktuell ein Minus von 10 % zu verkraften. Schülerin R. hat mit Tesla und Netflix einen Depotzuwachs von aktuell 90 % erwirtschaftet.

Wie es mit den Depots der Schülerinnen und Schüler weitergeht, wird sich zeigen. Natürlich ist es mitunter ratsam, Gewinne mitzunehmen, sich andere, dann chancenreichere Alternativen auszusuchen. Genau das wünsche ich aber auch für meine Schülerinnen und Schüler: Dass sie aus diesem Projekt Gewinn gezogen haben, künftig Engagements in Aktien zumindest in Erwägung ziehen und so chancenreichere Alternativen als das „Sparbuch“ kennen.

Andreas Ott, OStR

   

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