Das Hörspiel „Amerika!“ sehnt sich nach Premierenabend mit Präsenzhörerinnen und –hörern

Die Hauptfigur des Dramas „Amerika!“ Anna Dirndorfer muss auf ihrer abenteuerlichen Flucht aus dem Bayrischen Wald in die USA vieles durchleiden und überstehen: die Einsamkeit der Alleinreisenden, die Angst der Illegalen vor Entdeckung, Betrug, Nötigung und eine Beinahe-Vergewaltigung. Dass aber die Seuche Corona über sie und ihre Gefährten an Deck hereinbricht, sah das Dramenstück nicht vor. Und mal ehrlich: jeder nur annähernd begabte Dramaturg hätte diese letzte „Prüfung“ der Heldin als „too much!“ aus dem Manuskript gestrichen! Das wirkliche Leben schreibt dann doch, vielleicht nicht die bes-seren, aber die noch krasseren Geschichten… Aber der Reihe nach und ganz von vorn und vor Corona…
Was für Schicksale! - Zu Besuch im Auswanderermuseum in Schiefweg 

Anders als bei den Vorgängerprojekten lag mit meinem Drama „Amerika!“ bereits ein Manuskript vor, das „nur“ mehr in das akustische Genre Hörspiel transformiert werden musste. Dabei bildete die rezeptive und produktive Interpretation von Figur und Rolle die anspruchsvolle Hauptaufgabe meiner Harter BodenSeminaristen. Um sie auf den historischen Kontext einzustimmen und mit dem Schicksal der Auswanderer aus dem Bayrischen Wald vertraut zu machen, besuchten wir das Emerenz-Meier-Haus in Schiefweg. Im Obergeschoß des Geburtshauses der Bayerwalddichterin befindet sich ein kleines, aber ausgezeichnet kuratiertes Auswanderermuseum. Dort erhalten die Besucher einen lebendigen Eindruck von der topographisch oder wirtschaftlich bedingten Mangelsituation im Bayrischen Wald. Um der Trostlosigkeit zu entkommen, bleibt oftmals nur die Emigration. Häufiger als man vielleicht annehmen würde, ist Angst vor Strafverfolgung ein Motiv für die Auswanderung - die freilich dann nur mehr illegal erfolgen kann. Im Falle der Magd Anna Dirndorfer aus der Heinrichsbrunner Reuthen ist es der Verbrechensverdacht auf Kindstötung, der die junge Frau Ende des 19. Jahrhunderts zur Flucht aus ihrer Heimat zwingt. Ihr bruchstückhaft dokumentiertes Schicksal bildet den spannenden historisch verbürgten Ausgangspunkt unserer Geschichte. Die Story beleuchtet die harte Situation der Dienstbotinnen genauso wie die ungewollte, als schändlich gegeißelte uneheliche Schwangerschaft. Im Fokus steht aber die Odyssee der (illegalen)Kindsmoerderin Emigranten zu den Auswanderungshäfen, von wo aus sie die Dampfer Richtung New York besteigen.

Casting und andere Herausforderungen

Mit diesem Besuch waren die angehenden Schauspieler mit Stoff und Figuren in Fühlung gekommen, so dass wir Gruppenbildbei den nächsten Treffen die Hauptsprecherrollen verteilen konnten. Meine erste vage, insgeheime Vorstellung als Regisseurin, wer wen mimen könnte, stimmte erstaunlich gut mit der Selbsteinschätzung der einzelnen Mitglieder meiner Truppe überein. Da zeigte sich schon, dass die Seminar-Zusammensetzung dieses Jahrgangs ein Glücksfall war. Die sehr unterschiedlichen Temperamente und Stimmlagen der sechs Seminaristen, ihre Ausstattung mit Hochsprache, Akzent und/oder Dialekten zauberten mir beim Casting ein erstes Lächeln ins Gesicht. Dass die annähernd 20 verschiedenen Rollen nicht ausschließlich durch Schüler und Schülerinnen besetzt werden konnten, war auch heuer wieder eine Herausforderung – logistisch-organisatorischer Art. Inzwischen gibt es zwar doch einen kleinen Stamm aus Ehemaligen und deren Freunden und Angehörigen, auf die ich zurückgreifen kann. Zudem macht es den besonderen Charme eines solchen schulischen Kunstprojektes aus, dass die Stammcrew weitere „Besatzungsmitglieder“ als externe Partner anheuert. Was an diesem Projekt „Amerika!“ allerdings ganz speziell ist, war das zusätzliche Engagement etlicher Lehrkräfte aus unserem Kollegium. Sie haben mit ihrer tollen Performance vor dem Mikro zur hörbar hohen Qualität des Hörspiels beigetragen. Es ist faszinierend, welche Dynamik so ein diverses Personal in den Schaffensprozess hineinbringt!

Der „heiße Stuhl“

Letzte Unsicherheiten das Casting betreffend wurden dann auf dem „heißen Stuhl“ ausgeräumt: eine Art Free Solo Übung für Schauspieler in der Anfangsphase eines Projektes. Eine Person sitzt mittig in einem Stuhlkreis, den seine Schauspielerkollegen bilden. Jeder und jede schlüpft dabei bereits in seine bzw. ih-re Rolle und nimmt die Person auf dem „heißen Stuhl“ in eine Art Kreuzverhör. Diese antwortet natürlich auch aus ihrer Rolle heraus, was freilich gute Kenntnisse von Handlung und Figuren voraussetzt. Darüber hinaus wird allerdings die Fähigkeit verlangt, zu improvisieren und „Leerstellen“ zu den Figuren, die das Manuskript lässt, mittels eigener Phantasie stimmig aufzufüllen. Die Schauspielübung eignet sich hervorragend, um sich die eigene Figur auch emotional-ganzheitlich zu erschließen, nicht nur verkopft durch Textanalyse. Für mich war es ein ganz besonderer Moment, „meine“ Figuren erstmals im freien Spiel ver-körpert zu sehen. Irgendwie schön verstörend.

Stimmbildung mit Peter Tilch

Tilch
Training mit Stimmbildner und Sänger Peter Tilch im kreativen Chaos

Seine Figur zu erfassen und sich, so gut es irgend geht, mit ihr zu identifizieren, ist eine der wesentlichen Voraussetzung für eine gelingende Performance im Studio. Nun galt es aber noch das Augenmerk auf das entscheidende Element zur Zeichnung von Atmosphäre und Charakter zu legen: die Stimme. Dazu holten wir uns wieder Peter Tilch ins Haus, der neben seiner Haupttätigkeit als Sänger am Opernhaus Passau auch Schulungen anbietet für professionelle Sprecher – und solche, die es werden wollen, wie wir! Nach einer kurzen Einführung zu den  physiologischen Grundlagen unserer Stimme folgte ein Atemtraining sowie einschlägige Übungen zur Stimmbildung, um Verspannungen des Stimmapparates aber auch Hemmungen geistig-emotionaler Natur abzubauen, die einen vollen, klaren und schönen Klang der Stimme erheblich mindern können. Dann erst ging es ans dramaturgische Sprechen und die aufwendige kleinteilige stimmliche Interpretation ausgewählter Passagen. Dazu mentalisiert man während des Vortrages, respektive Spiels Subtexte wie z.B. „traurig“, „genervt“, „hochnäsig“ etc. Diese müssen freilich zu Figur und Situation passen, was wiederum akribische Auseinandersetzung mit dem Text voraussetzt. Bei dem ein oder der anderen glaubte ich schon, den Aha-Effekt im Gesicht zu erkennen, wenn der oder die Übende plötzlich bemerkte: Oha, meine Stimme folgt ja wie durch einen Zauber der imaginierten Stimmung!

Silentium – Achtung Aufnahme!
Dramaturgie JanGruppenbild AkteurinnenAnfang Oktober war es dann soweit. Einem penibel ausgearbeiteten Aufnahmeplan folgend waren Schülerinnen, Lehrer und Externe zu bestimmten Zeitfenstern über drei lange Tage hinweg einbestellt, um die jeweiligen Szenen einzusprechen. Hier rächte es sich, wenn eine authentische und stimmliche Interpretation von Figur und Szene nicht abrufbereit war und noch zu viel seitens der Regie gecoacht werden musste. Takes an Takes stapeln sich dann in den Ordnern und die notwendigen Verschiebungen im Zeitplan machen der Regie Stress sowie den Nachfolgenden schlechte Laune. Zwar hat sich das Hörspielteam über die Jahre hinweg auch organisatorisch immer weiter professionalisiert. Es bleibt aber noch Luft nach oben, gerade was die effizientere Gestaltung der Aufnahmetage anbelangt. Diese verlangt zukünftig vor allem nach schnellen und mutigeren Entscheidungen seitens der Regie und des Aufnahmeleiters, welche Takes unmittelbar gelöscht und welche behalten werden.

Cutter und Komponist in Personalunion
Letzteres ist insbesondere im Interesse desjenigen, der die Audiofiles durchhören, aussortieren, cutten und weiterverarbeiten muss. Unser Spezialist hierfür ist Marius Wilnat, ein ehemaliger Schüler der BOS mit außergewöhnlicher musikalischer Begabung, der bereits für die vorherigen Hörspiele sämtliche Musik komponiert hatte. Inzwischen liegt die gesamte akustische Ausproduktion in seinen Händen. Die hierfür aufgewendete Zeit ist nahezu so viel, wie mein Schreibprozess benötigte. Das mag als Hinweis genügen, dass der Tonmeister mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, die Elemente des Hörspiels Stimme, Atmo und Musik zu arrangieren, eine Art Co-Autorschaft im Schaffensprozess innehat.

Audio-on-Demand oder Premierenabend?
Das Hörspiel wäre sozusagen sendefähig. Bei aller Faszination für moderne Audiorezeptions-Trends wie Podcasts oder Audio-on-Demand, die von vielen Menschen in Corona –Zeiten entdeckt und schätzen gelernt wurden, - wir wollen das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit nicht einfach so mal schnell und ohne vermittelnde Präsentation an das worldwideweb verschenken. Das gesamte Hörspielteam freut sich daher über die jüngsten Lockerungen für den Kulturbetrieb, so dass in Kürze das Hörspiel „Amerika!“ vor Präsenzpublikum erklingen kann. Näheres folgt in Bälde! Wir sehen und hören uns am Premierenabend, am 24. Juli um 19 Uhr, gell! Save the date!

Julia Gais, OStRin

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