Schulseelsorge in Zeiten der Krise

Im Museum of Modern Art (MoMA) in New York fand 2010 eine Kunstinstallation der Performancekünstlerin Marina Abramovic statt. Der Titel: The Artist Is Present.

Dabei saß die Künstlerin über einen Zeitraum von drei Monaten sechs Tage die Woche sieben Stunden am Stück auf einem Stuhl, ihr gegenüber durch einen Tisch getrennt, jeweils ein Besucher oder eine Besucherin der Ausstellung. Abramovic schaute und ihr Gegenüber schaute zurück, solange bis ihr „Gast“ Platz machte für einen nächsten Freiwilligen. Ein simples analoges Arrangement, in der paradoxerweise in einem künstlichen Rahmen das Wunder echter Begegnung stattfand. Zwar erreichte die Performance durch das gerade populär gewordene Online-Streaming und durch die Verbreitung in Social Media wie Flickr ein Massenpublikum, das den beiden Menschen beim Schauen zuschaute. Echte Bewegung und emotionale Berührung ereignete sich jedoch nur zwischen den beiden Protagonist:innen der Kunst-Dyade im MoMA. Viele aktive Besucher:innen, die sich den Blicken der Künstlerin aussetzten, schienen tief berührt und bekundeten, wie „verwandelt“ aus der Begegnung hervorzugegangen zu sein. Einige weinten hemmungslos, wobei dies weniger an der gewiss sehr charismatischen Persönlichkeit der Künstlerin zu liegen schien, als an dem, was sich zwischen den Beiden „ereignete“.

Was aber war das, was sich da ereignete? Und was hat dies mit meiner Tätigkeit als Schulseelsorgerin und Lehrerin zu tun? Ich versuche hier einige Aspekte, die mir besonders am Herzen liegen, darzulegen.

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Die Krise als Kunst-Installation

Seit Beginn der Covid-Krise fühle ich mich ein wenig wie eine – zugegeben unfreiwillige - Teilnehmerin einer eigentümlichen Kunst-Installation. Nirgends sehe ich in meiner Nähe den grünen EXIT-Pfeil, der einen Fluchtweg markiert. Also versuche ich wie viele andere in dieser fordernden, irritierenden Situation eine aufrechte optimistische Haltung zu wahren. Ohne dabei, wie es auch im MoMA geschah, Krisensituationen nicht nur zu überleben, sondern sie zu erleben - als spannend, statt im übertragenen Sinne vom Stuhl zu kippen. In der Krise, die ohnehin fortan Bestandteil unserer Normalität sein dürfte, wird der Umgang mit den (eigenen) Ressourcen zur Überlebenskunst. Wie gestaltet man seine eigene Performance im (schulischen) Lebensalltag, ohne sich in Erschöpfungszustände hineinzumanövrieren? Wie kann ich mich mit Hingabe meinen Aufgaben widmen, ohne dass Verausgabung am Horizont droht? Wie gelingt es uns, Krisensituationen nicht nur zu überleben, sondern sie zu erleben – als spannend statt bedrohlich? Und wie können wir in der Zuversicht bleiben, zwar das Leben auch und gerade in der Krise nicht kontrollieren, aber doch ein wenig im Sinne selbstwirksamen Handelns mitgestalten zu können?

Der Wert der Begegnung in (Zeiten) der Krise

Sich in der Kunst nährender (Selbst-)Begegnung zu üben, erscheint mir dabei ein Lösungsansatz zu sein. Im virtuellen Raum funktioniert das, anders als reine Informations- und Wissensvermittlung, meines Erachtens nicht. Vielleicht spüren das auch unsere Schüler:innen, die mein Schulseelsorge-Angebot in diesem Schuljahr nicht ein einziges Mal „online“ nachfragten. Umso mehr wurde ich dagegen (an-)gefordert als „Present Teacher“ und Schulseesorgerin. Auch in Covid-Zeiten bin ich meinem Ansatz einer Zweierbegegnung in Form eines Walk&Talk outdoor treu geblieben. Dieser Spaziergang führte mein jeweiliges Gegenüber und mich im kleinen Grenzverkehr häufig die Berghöhen hinauf nach Österreich, wo wir uns im doppelten Wortsinne der Masken entledigten. Obwohl allgegenwärtig, sind seelische Überlastungen und Erkrankungen, doch noch so sehr stigmatisiert - und damit schambesetzt - dass sich (junge) Leute erst dann „zeigen“, wenn der Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist. Der Tropfen, der das Fass in der Regel zum Überlaufen bringt, sind die Versagensängste im Zusammenhang mit anstehenden Prüfungen, die unsere Schüler:innen möglichst gut meistern wollen. Auffällig ist zudem, dass die „Thematik“, wegen der die Schüler:innen um Hilfe nachsuchen, meist in Phasen ihres Distanzunterrichtes aufgebrochen ist. Als Gründe hierfür geben diese recht übereinstimmend neben der unzureichenden Tagesstruktur, fehlende oder nur rudimentäre persönliche Kontakte zu Lehrer:innen wie Klassenkamerad:innen an. Das erscheint plausibel, weil nur in Präsenz die so wichtigen positiven, den Selbstwert nährenden Rückmeldungen in ausreichendem Maße gegenseitig geschenkt werden können. Auch kann die soziale Kontrolle durch das schulische Umfeld in Präsenz z. B. Suchtgefährdete dazu bewegen, enthaltsam zu bleiben. Ein gravierender Nachteil des Lebens auf Distanz ist zudem das Fehlen „echter“ Tür - und Angel - Gesprächssituationen, in denen es sich für die Hilfesuchenden leicht und passend anfühlt, sich mit ihrem Problem und Leid (rechtzeitig) anzuvertrauen oder zumindest mal vorzufühlen, ob die Schulseelsorgerin oder die Lehrkraft vertrauenswürdig ist.

Mehr Wahrnehmen und Hören statt Machen und Raten

Der „Entzug“ der leibhaftigen Personen durch den Distanz-Unterricht und das Verschwinden unserer Dialogpartner:innen in den schwarzen Löchern der Online-Welt sensibilisierte aber für die Aspekte der Kommunikation, die in unserer wortlastigen Welt, in krasser Weise unterschätzt werden: für alles Nonverbale, für all das, was sich Dramatisches ohne Worte zwischen uns allen abspielt, was Atmosphäre und Stimmung schafft und die Lehr-Lern-Beziehungen zwischen allen Mitgliedern der Schulfamilie gelingen oder schwierig werden lässt. Mehr als bisher dieses Atmosphärische und Nonverbale wahrzunehmen und ggf. zu thematisieren, habe ich mir nicht nur für die schulseelsorgerischen Begegnungen vorgenommen. Wir tendieren sehr dazu, gerade in der Krise, viel zu machen, viel zu reden, viel zu raten und viel anzuleiten. Dabei hat doch im Grunde schon jeder die Erfahrung gemacht, wie wohltuend und auch ein Stück weit heilsam die (schweigende) Präsenz eines aufmerksamen Anderen sein kann. Das gilt allerdings NICHT für den digitalen Raum. Dort wird das Schweigen schnell als bedrohliche Verweigerung eines Kontaktversuches empfunden.

Avatare statt authentische Andere?  

Zuletzt hat sich auch Marina Abramovic in die digitale Welt gestürzt und mehrere Virtual Reality-Arbeiten geschaffen, in der der Betrachter der virtuellen Performance-Künstlerin begegnen kann. The Avatar Is Present, sozusagen. Auch in der Bildung halten die Avatare Einzug und gilt das Digitale als immer wichtiger, ja als unverzichtbar. Dennoch erscheint mir eher Abramovic ursprüngliche Performance im MoMA eine geeignete Blaupause zu sein für gelingende Beziehungen im Bildungsgeschehen: Diese schuf maximal menschliche Momente mit einfachsten analogen Mitteln. Zwar versetzt das Digitale in fast ehrfurchtsvolles Staunen, rührt aber wohl kaum einen Beteiligten zu Tränen, - ein, vielleicht das wichtigste Ausdrucksmittel emotionaler, seelischer Veränderung und Transformation.

Ich hoffe, es bleibt dabei, auch und gerade in Krisenzeiten: The Teacher Is Present. Die Schulseelsorgerin sowieso.

Julia Gais, OStRin

   

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