Er kam in einem kleinen alten Diesel - und mit Verspätung. Die Rede ist von Prof. Harald Lesch, Deutschlands bekanntestem Astrophysiker und Moderator von Wissenschaftssendungen wie „Leschs Kosmos“ oder „Terra X“.

Dass Harald Lesch und seine Frau Cecilia Scorza, ebenfalls Astronomin, verspätet eintrafen zur Fortbildung „BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) macht Schule“ in Hauzenberg, mag daran gelegen haben, dass sich das Ehepaar aus Vernunftgründen auch da an ein Tempolimit hält, wo es dieses noch immer nicht gibt.

LeschKaum stand Lesch vor den rund 250 geladenen Schulleiter:innen und Umweltbeauftragten aus Stadt und Landkreis Passau auf der Bühne, gab er Gas auf seine Weise - mit Expertise, Esprit und Schlagfertigkeit.

Mehr Tempo – beim Klimaschutz
Das Tempolimit sei der Lackmustest der neuen Regierung. „Wenn die nicht einmal das hinbekommen“, werde es wohl auch unter der neuen Koalition nichts mit nachhaltiger Mobilität, kommentierte Lesch und machte klar, wo es in Deutschland eine Tempoverschärfung brauche: beim Klimaschutz. Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen könnte laut Umweltbundesamt die Treibhausgasemissionen jährlich je nach Ausgestaltung um bis zu 5,4 Millionen Tonnen verringern – sofort und praktisch ohne Mehrkosten. Weitere Gratisvorteile: Es senkt die Lärm-und Schadstoffemissionen und erhöht die Verkehrssicherheit.

Was wissen wir? Was ist zu tun?
Im Unterschied zu vielen anderen Naturwissenschaftlern begnügt sich Harald Lesch, der auch Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der LMU ist, nicht damit, Entscheidungsträgern wissenschaftliche Expertise zur Verfügung zu stellen. Sondern er liefert -auch ungefragt- (unangenehme) Antworten auf die Fragen: Was ist zu tun? Wie also sollen wir handeln? „Wir haben gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel, wir wissen, dass die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur auf CO2-Emissionen anthropogenen Ursprungs zurückzuführen ist, anhand des Isotopenverhältnisses im CO2 in der Erdatmosphäre. Das ist physikalische Grundlagenforschung.“ Welche Folgen die Klimaerwärmung bereits jetzt schon hat und was der Menschheit in naher Zukunft droht, sollten die Emissionen nicht dramatisch zurückgefahren werden, veranschaulicht Harald Lesch anhand eindrucksvoller, bedrückender Satellitenaufnahmen: Hunderttausende Hektar Wald auf allen Kontinenten und arktische Torfmoore brennen. Die Überreste dieser kostbaren Biomasse, die eigentlich reichlich CO2 bindet, ziehen als Rußschwaden rund um den Globus, lagern sich auf den verbliebenen Eisflächen ab und beschleunigen so die Erwärmung weiter. Und befördern zudem die Klimawandelfolgeschäden: Unwetter, Überschwemmungen, Dürren usw. Diese und andere Auswirkungen unserer energieverschwenderischen Lebensweise, wie z.B. auch der rasante Rückgang der Biodiversität, wurden bereits Anfang der 1970er Jahre vom Club of Rome exakt prognostiziert. Ernsthaftes dagegen unternommen wurde unterdessen: nichts.

Lehrer:innen als Transformatoren
Auf eine Frage aus dem Publikum, wie groß er seinen Einfluss auf die Politik einschätze, gibt Lesch schmunzelnd zu: „Der von Interessensverbänden und ihren Lobbyisten in den vergangenen Jahrzehnten ist jedenfalls größer gewesen.“ Nur so hätte sich erfolgreich die Mär wie die vom billigen, umweltfreundlichen Atomstrom verbreiten und halten können. Dass die Franzosen in den heißen Sommermonaten regenerativen Strom aus Deutschland einkaufen, weil die Reaktorleistung wegen fehlendem Kühlwasser immer wieder gedrosselt werden musste, hält er jenen entgegen, die die Atomenergie noch immer für eine geeignete Brückentechnologie der Energiewende halten.
Überhaupt setzt das Physikerpaar offensichtlich mehr auf die Graswurzelbewegung von unten als auf den großen Masterplan zur Klimarettung von oben. Aus gutem Grund sehen Harald Lesch und Cecilia Scorza uns Lehrer:innen als wichtige Stellrädchen in einem gewaltigen notwendigen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess. Wir Lehrer:innen können (und müssen, wie ich finde) durch unseren – möglichst projektbezogenen, fächerübergreifenden - Unterricht, aber gerade auch durch unser eigenes Vorbild Bewusstsein schaffen für das Notwendige, Diskussionen über Verzicht und Lebensqualität führen sowie Verhaltensänderungen anstoßen. Dabei sei es auch erforderlich, Schüler:innen und Eltern zu mobilisieren, Forderungen zu stellen, ggf. Stiftungen zu gründen, um etwa ein nachhaltiges Sortiment beim Pausenverkauf zu finanzieren, rät uns Herr Lesch in kleiner Runde in der Kaffeepause. Wenn erst einmal der Druck groß genug sei und ein Klima-Projekt, sei es noch so klein, zu gelingen verspreche, „ist jeder gerne Vater oder Mutter davon.“, fügt Harald Lesch augenzwinkernd hinzu.

Neue Handwerker:innen braucht das Land
Der Auftritt von Cecilia Scorza und ihrem Mann ist zweifellos auch als eine Werbeveranstaltung gedacht für Mint-Fächer. Schließlich braucht es Ingenieure und Ingenieurinnen, vor allem aber Techniker:innen und Handwerker:innen, die die Energiewende bauen: Junge Frauen und Männer, die PV-Anlagen auf jede verfügbare Gebäudefläche schrauben oder Rotoren und Maschinenhäuser 200m hoher Windräder warten. Soll die Energiewende gelingen, werden überall in Deutschland Windkraftanlagen stehen (müssen), so prognostiziert es Harald Lesch. Auch in Bayern. Und auch auf den Hügeln rund um Hauzenberg.

Rückenwind für die regionale Energiewende
Wohl kaum zufällig fand die Veranstaltung in jener niederbayrischen Gemeinde statt, deren Bürgermeisterin Frau Gudrun Donaubauer ernst macht mit der Energiewende und den Bau einiger Windkraftanlagen auf dem Ruhmannsberg vorantreibt - gegen viele Widerstände und trotz umstrittener 10H-Abstandsregelung, die den Windkraftausbau 2014 in Bayern über Nacht zum Stillstand brachte.
Der Gastgeberin der BNE-Veranstaltung stärkte der prominente Besuch aus München sicher den Rücken für ihre Pionierleistung im Passauer Land. Sein Auftritt bei der BNE-Veranstaltung sei zwar kostenlos, scherzte Lesch in Richtung der Bürgermeisterin, aber er hoffe, „doch nicht ganz umsonst.“

Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt
Keineswegs umsonst war auch für Andreas Seitz und mich diese inspirierende Fortbildung des BNE-Netzwerkes. Jetzt gilt es den Weg zu finden, wie wir unsere Schule in diesen Prozess der Transformation mit Ziel Klimaneutralität hineinführen wollen. Jede und jeder unserer Schulfamilie ist dabei gefordert, erste Schritte zu tun, - über (Selbst-) Aufklärung, Vernetzung und Handeln. Wegschauen geht schon lange nicht mehr oder um es in den Worten von Harald Lesch zu sagen: „Verdrängen ist ein Verbrechen an unseren Kindern.“

Julia Gais, OStRin

   

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