PNP Interview mit Michael Dominik, Koordinator des Formats "Jugend debattiert"

„Die Debatte ist das Fundament der Demokratie“
26.01.2026

M D

Eine Plakette am Eingang verkündet es: An der FOS/BOS Passau wird debattiert. Seit 22 Jahren beteiligt sich die Schule am Format „Jugend debattiert“, geleitet wird es von Lehrer Michael Dominik. − Foto: Munzinger


PNP: Gehört in Ihre Tasse Tee oder Kaffee? Debattieren Sie!
Michael Dominik: (lacht) Eigentlich müsste ich jetzt ganz nüchtern Für und Wider abwägen, und meine Frau ist passionierte Tee-Trinkerin. Aber ich finde einfach keine Argumente gegen den Kaffee.

Damit verstoßen Sie gegen die Regeln des Debattierens, denn dabei geht es doch um Objektivität und Faktensuche.
Ganz genau! Ich müsste jetzt auch die positiven Seiten des Tees hervorheben und so weiter, aber ich kann nicht anders: Ich bin ein sehr, sehr großer Fan von Kaffee und Espresso. Da kann ich einfach nicht objektiv sein.

Anders als beim Format „Jugend Debattiert“, das Sie seit vielen Jahren an der FOS/BOS leiten. Grundsätzliche Frage: Was ist der Unterschied zwischen Debatte und Streit?
Bei Debatten geht es um regelbasierten, fairen Umgang mit unterschiedlichen Meinungen. Es kommt stark auf die Selbstkontrolle und die positive Haltung gegenüber den Gesprächspartnern an, auch wenn sie anderer Meinung sind. Beim Streit geht es schnell ums Emotionale, er wird häufig unkontrollierbar. Beim Debattieren lernt man, dass man andere nicht unterbricht, dass jedem die Zeit zur Darlegung der Meinung zusteht. Man tauscht sich fair und faktenbasiert aus.

„Man muss dafür raus aus der Wohlfühl-Blase“
Wer debattiert, muss ja auch eine Hemmschwelle überwinden und mit dem Ausgang rechnen, dass die eigene Meinung widerlegt wird und sich deshalb ändert.
So ist es. Man muss dafür raus aus der Wohlfühl-Blase. Wenn ich nur von Leuten umgeben bin, die sagen, was ich hören will, dann verkümmere ich erstens geistig und habe zweitens keine Chance, mich weiterzuentwickeln. Das merken unsere Schüler, wenn wir das üben, und das tut ihnen gut. Wir bekommen oft die Rückmeldung von Ehemaligen, die uns davon berichten, wie sehr ihnen die Kunst des Debattierens später geholfen hat, sei es bei Vorstellungsgesprächen, Diskussionen mit Mitarbeitern oder in der Familie.

Ich gebe mal ein Beispiel: Während der Pandemie trafen in der Schülerschaft verhärtete Meinungen aufeinander: Impfen oder nicht? Maske auf oder ab? Wir haben es zum Teil so gemacht, dass die größten Impfgegner für das Impfen debattieren mussten, während diejenigen, für die Impfen selbstverständlich war, dagegen argumentieren mussten. Alles jeweils faktenbasiert.

Weil es nicht ums Gewinnen gehen soll, sondern um die Durchdringung eines Themas?
Genau. Das ist schon seit der Antike eine gängige Praxis. Natürlich geht es auch ums Überzeugen und Argumentations-Taktik. Aber das darf nie damit einher gehen, dass man sein Gegenüber persönlich attackiert. Heutzutage werden enorm viele zerstörerische Unwahrheiten und Boshaftigkeiten verbreitet, vor allem im Netz. Das Debattieren ist eine der letzten Brandmauern gegen einen Generalangriff auf unsere freiheitliche Demokratie, für die wir an der FOS/BOS einstehen. Die Debatte ist das Fundament der Demokratie.

Haben Sie schon immer gerne debattiert?
Ja, schon als Schüler. Und man glaubt es kaum, aber auch bei der Bundeswehr gab es teilweise die Möglichkeit zur Debatte mit Ranghöheren außerhalb der Dienstzeiten. Auch im Studium war es mir immer ein Anliegen, dass ich meine Punkte anbringe.

Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen jemand in einer Debatte felsenfest weismachen will, dass 2+2 gleich 5 ist? Wie bleibt man da gelassen, neutral und einfühlsam?
Das ist etwas, was man wirklich lernen kann. An englischen Elite-Colleges und Universitäten z.B. wird Debattieren wie ein Sport gesehen. Und wie beim Leistungssport kann man sich ein gewisses Mindset zulegen, damit man zu keinem Zeitpunkt die sachliche Ebene verlässt und sich nicht aus der Reserve locken will.

Das Gegenüber wird davon manchmal total überrascht, wenn sachlich mit ihm umgegangen wird. Die allermeisten, die unhaltbare Positionen vertreten, wissen, was sie da tun. Wenn man ihnen dann sachlich begegnet, kann man weiterkommen.

Und wenn das Gegenüber gar kein Interesse an einer sachlichen Debatte hat, sondern nur eine Plattform für jede noch so unhaltbare Aussage sucht?
Wir bringen unseren Schülern bei, dass man durch gut recherchierte Beispiele und vertiefte Analysen vielleicht nicht immer das Gegenüber überzeugen kann, aber man debattiert ja meistens vor einem Publikum. Durch Recherche und konsequente Offenlegung von Fake-News dabei kann ich dem Publikum darlegen, dass mein Gegenüber mit Unwahrheiten arbeitet.

Das setzt aber voraus, dass auch das Publikum oder die Jury meinungsoffen an die Sache herangeht.
Stimmt. Da kommt es wiederum auf einen selber an. Es ist ja heute leider im Internet, aber sogar in Talkshows gang und gäbe, dass man sich auf die Ebene des persönlichen Angriffs herablässt. Aber wer von „Jugend debattiert“ kommt, lässt sich darauf nicht ein. Der bleibt auf der sachlichen Ebene. Dann kann man das Gegenüber argumentativ vorführen, ohne persönlich verletzend zu werden. Es geht niemals darum, den anderen als Person unmöglich zu machen.

Am Freitag war das Finale des 22. Debattenwettbewerbs an der FOS/BOS. Wie läuft so ein Wettbewerb eigentlich ab?
Das Ganze ist ja ein europaweites Format. An dieser Stelle übrigens ein Dank an alle Kolleginnen und Kollegen, die sich dafür einsetzen, das ist nämlich für alle ein Zusatzaufwand.

In der Jury sitzen Lehrer und Schüler
Der Wettbewerb läuft so ab: Wir trainieren, wie man mit einem festen Zeitrahmen umgeht, wie man recherchiert, wie man Taktiken anwendet, wie man wertschätzend miteinander umgeht. Vier Wochen vor dem Wettbewerb frage ich, wer an dem freiwilligen Wettbewerb nach den Debatten in den Klassen mitmachen möchte. Die Teilnehmer bekommen die Themen und bereiten sich in der Freizeit auf die Debatte vor. Das kann man sich dann wie einen Sportwettkampf vorstellen: Es gibt eine Vorrunde mit mehreren Debatten und dann ein Finale.

Wer bewertet die Debatten?
Wir bilden dafür Schüler-Juroren aus, die die Teilnehmer bewerten. Das ist auch extrem wichtig für das Projekt. Es sitzen also nie nur Lehrer in der Jury, sondern auch Schüler. Es gibt ein Punktesystem, das in ganz Deutschland angewendet wird, und anhand dessen werden die Teilnehmer ganz nüchtern bewertet.

Wie schwer fällt es Ihnen als Juror, objektiv zu bleiben, wenn jemand in einer Debatte eine Meinung, die Sie absolut nicht vertreten, sehr gut argumentiert?
Das ist ein zentraler Punkt. Die eigene Meinung muss zurückgestellt werden, eigene Ansicht und objektive Kriterien müssen getrennt werden. Genau dafür üben wir mit den Schülern monatelang.

Mir fällt es mittlerweile nicht mehr schwer, ich mache das schon lange genug. Da geht es mir wie einem Sportler, der nach Jahren der Übung genau weiß, was wann zu tun ist, um ans sportliche Ziel zu gelangen.

Sie schaffen das auch, wenn jemand etwas total Absurdes sagt?
Ja, auch wenn einem mal ein Lächeln über das Gesicht huscht. Ganz wichtig: Bei uns wird niemand ausgelacht. Anders als in vielen schlimmen Online-Diskursen, in denen das Auslachen oft sogar im Vordergrund steht. Das muss man ausschalten.

Die Internet-Streitkultur hat die Gesellschaft verändert...
Und zwar zum Negativen!

Fällt es deshalb heute schwerer, junge Leute für das klassische Debattieren zu begeistern?
Leider ja. Wir Lehrer müssen mehr Energie reinstecken, um das Potenzial der Schüler zu aktivieren. Für viele Jugendliche ist das Format ein extremer Kontrast zu ihren alltäglichen digitalen Meinungsäußerungen. Im Internet wird das Gegenüber oft mit wenigen Emojis, mit Memes, mit Satzbausteinen oder Schimpfwörtern weggebügelt. Das ist einfach. Debattenkultur ist viel intensiver und fordernder. Aber wenn sie einmal Blut geleckt haben, debattieren sie mit Feuer und Flamme.

Das klingt anstrengend. Es ist doch viel bequemer, die Welt in Gut und Böse einzuteilen und sich auf der Seite des Guten zu verorten.
Stimmt, es ist wahnsinnig einfach. Und auch extrem gefährlich. Der Laden fliegt uns irgendwann um die Ohren, wenn es nur noch verhärtete Fronten ohne regelbasierten Austausch gibt, wenn wir das Suchen nach konstruktiven Lösungen aufgeben.

„Eine gelungene Debatte bringt alle weiter“
Sie bringen all das vor allem Teenagern bei. Der Verfall der Diskussionskultur betrifft aber alle Altersstufen. Wie kann man denn als Erwachsener das Debattieren lernen?
Es gibt in sehr vielen Städten und Regionen ähnliche Projekte und Formate wie „Jugend debattiert“, aber ohne Altersgrenze. Oft sind es kleinere Zusammenkünfte, die sich treffen und regelbasiert debattieren. Das wird dort betrieben wie in Sportvereinen. Wer sich im Netz umschaut, findet das fast überall. Oft finden diese Debatten in Wirtshäusern statt. Meistens wird das Thema vorher bekanntgegeben, manchmal gibt es Überraschungsthemen. Und dann wird sachlich-fair diskutiert.

Ich kann das allen nur empfehlen, denn solche Veranstaltungen gehen an die Wurzel der Demokratie. Eine gelungene Debatte ist ein gesellschaftliches Ereignis. Das wussten schon die alten Griechen und Römer, auch wenn es bei denen auch Zeiten gab, in denen nicht konstruktiv debattiert wurde. Aber wir müssen diese Wurzeln am Leben halten, denn sie halten alle Strukturen zusammen.

Eine gelungene Debatte bringt alle weiter, weil am Ende ein konstruktives Ergebnis steht. Wenn wir dazu nicht mehr fähig sind, zerbricht die Demokratie.

Bei „Jugend debattiert“ wird bewertet, also quasi benotet. Hergebrachte Prüfungsformate werden zunehmend durch KI untergraben. Wäre es nicht an der Zeit, die regelbasierte Debatte zur benoteten Prüfungsform in den verschiedensten Fächern zu erheben?
Unbedingt! Die KI kann vielleicht bei der Recherche eine Rolle spielen, aber bei der Debatte zählen nur noch das eigene Wissen und ob man ein Thema wirklich durchdrungen hat.

Und genau darum soll es doch in der Schule gehen, das ist doch der Kern von Bildung: Dass wir jungen Menschen beibringen, sich tiefgreifend und selbständig mit Themen auseinanderzusetzen und diese im direkten Austausch zwischen echten Menschen überzeugend zu vertreten. Wenn ich das nicht tue, hilft mir die stärkste KI bei der Debatte nichts. Und eine KI kann hierbei auch nicht Fairness und Höflichkeit vermitteln. Dabei sind das genau die Werte, die wir jetzt brauchen. Alles andere macht unsere Gesellschaft kaputt.