Zwischen Kinosaal und Klassenzimmer

Das Seminar „Mythos und Moderne“ im Kino

24.07.26

Kinobesuch Seminar

Odysseus auf der großen Leinwand:
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars „Mythos und Moderne: Antike Sagenstoffe in Gegenwartsliteratur und Film“ haben am Dienstag, dem 21.07.2026, gemeinsam den Kinofilm „Die Odyssee“ besucht – und in der darauffolgenden Seminarsitzung noch einmal genauer unter die Lupe genommen.

Zwei Szenen im Fokus

Im Zentrum der Analyse standen zwei besonders eindrückliche Episoden: die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem sowie die Verwandlung von Odysseus’ Gefährten in Schweine durch die Zauberin Kirke. In der Polyphem-Szene gerät Odysseus mit einem Teil seiner Mannschaft in die Höhle des einäugigen Riesen Polyphem, der mehrere seiner Gefährten verspeist; nur durch List gelingt die Flucht: Odysseus stellt sich Polyphem gegenüber bewusst nicht mit seinem wahren Namen vor, sondern als „Niemand“. Als er den Zyklopen daraufhin blendet und dieser vor Schmerz um Hilfe ruft, jammert Polyphem den anderen Zyklopen vor, er sei „von Niemand“ geblendet worden – woraufhin diese ihm nicht zu Hilfe eilen, da sie den Hilferuf für unsinnig halten. Ein eindeutiger Wortwitz, der Odysseus und seinen verbliebenen Gefährten schließlich die Flucht unter dem Bauch von Polyphems Schafen ermöglicht. In der Kirke-Episode landet die Mannschaft auf der Insel der Zauberin Kirke, die Odysseus’ Gefährten mit einem Zaubertrank in Schweine verwandelt; erst mit göttlicher Hilfe kann Odysseus sich ihrer Magie widersetzen und die Verwandlung seiner Männer rückgängig machen. Ausgehend von der filmischen Umsetzung wandte sich die Gruppe der literarischen Quelle zu – Homers „Odyssee“ in deutscher Übersetzung – und stellte beide Fassungen einander gegenüber.
Verglichen wurden dabei nicht nur die Darstellungen der Figuren selbst, sondern auch die unterschiedlichen Wirkungsabsichten von Film und Epos als Gattungen. Eine wichtige Rolle spielte zudem der jeweilige Entstehungszeitraum der Werke, der die Erzählweise und die gesetzten Schwerpunkte entscheidend mitprägt – zwischen einem jahrtausendealten Epos und einer Kinoproduktion des 21. Jahrhunderts liegen eben nicht nur inhaltliche, sondern auch grundlegend andere erzählerische Bedingungen.

Das Urteil der Seminargruppe

Am Ende der Sitzung stand ein differenziertes Fazit: Die Schülerinnen und Schüler beschrieben „Die Odyssee“ als typischen, sehenswerten Hollywoodfilm mit prominenter Besetzung. Gleichzeitig hielten sie fest, dass das „Mythos-Herz“ des Films unter der filmischen Bearbeitung leide – einige aus Sicht der Gruppe zentrale Szenen der Vorlage wurden weggelassen oder deutlich verändert.
Genau diese Spannung zwischen Werktreue und eigenständiger künstlerischer Interpretation ist es, die im Seminar immer wieder im Mittelpunkt steht: Wie verändert sich ein jahrtausendealter Stoff, wenn er in ein neues Medium und eine neue Zeit übersetzt wird – und was sagt das über die Zeit aus, in der die Adaption entsteht?

Franziska Siegemund, StRin